Die Zahlenangaben schwanken. In diesem
Text werden über 20.000 Tote angegeben. Wer will heute noch sagen, wie
viele Menschen ihr Leben verloren. Jeder Tote ist zu viel. Wenn Menschen
Menschen umbringen, dann begeben sie sich auf die Stufe der Barbarei. Da
hilft es auch nicht, wenn Politiker immer wieder neue Schriften über
die Rechtmäßigkeit von kriegerischen Auseinandersetzungen verfassen
und unterteilen zwischen erlaubt und nicht erlaubt. Eine
"Konvention", die den Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung
- von sog. verteidigungsfähigen Städten spricht - ausdrücklich als
rechtens hinstellt, kann zynischer nicht formuliert werden.
Der Untergang einer Stadt
Pforzheim, 23.Februar 1945
Am frühen Abend des 23.Februar 1945 versank Pforzheim, jene Stadt,
die sich auch
als "Pforte zum Schwarzwald" bezeichnet, in Schutt und Asche.
Die Alliierten hatten das Ende des 2.Weltkriegs in
Europa für den Winter 1944/45
erwartet, doch machte die deutsche Ardennen-Offensive diese
Hoffnung zunichte. Eine alliierte Bomberoffensive,
die unter dem Titel "Zielsystem
Mitteldeutschland" stand, sollte nun den sowjetischen
Vormarsch im Osten unterstützen.
Auf diese "Zielliste Mitteldeutschland"
gerieten als sog. "Füllziele"
Pforzheim, Würzburg, Worms und Hildesheim.
Die
US-amerikanische Historikerin Ursula R.
Moessner-Heckner:
"In diesen Mahlstrom - das "Zielsystem
Mitteldeutschland" - wurde Pforzheim
so ganz nebenbei hineingezogen. Am 23.Februar 1945 erlebte es die
ungeheuere Wucht der Zerstörung, zu der das (Anm.
britische) Bomber Command
fähig war. Pforzheim starb. Es starb grundlos.
Es wurde zerstört, weil es noch nicht zerstört
war. Es fiel einer
Unlogik zum Opfer, die in Kriegszeiten oft mit Notwendigkeit
verwechselt wird."
Zwar wurde auch in Pforzheim im Rahmen der
Rüstungswirtschaft produziert, (Zünder
und Präzisionsinstrumente), zudem galt die Stadt an der
Hauptbahnlinie Stuttgart-Karlsruhe als Etappe für
Militärtransporte gen Westen,
doch eine militärische oder rüstungswirtschaftliche Notwendigkeit für
die Zerstörung bestand nach Forschungsergebnissen der erwähnten
Autorin nicht.
Am Abend des 23.Februar 1945 griffen 379 Flugzeuge der
Royal Air Force (RAF),
darunter 368 Bomber, die Stadt an. Der Angriff dauerte knapp über
16 Minuten, denn die erste Bombe fiel um 19.54
Uhr, die letzte um 20.10 Uhr.
Pforzheim erlebte einen der konzentriertesten
Vernichtungsangriffe auf eine
deutsche Stadt im 2.Weltkrieg. Von der betroffenen Fläche her waren
es die prozentual schwersten Schäden einer
deutschen Stadt bei einem einzigen
Angriff. Mindestens
ein Drittel der Einwohner, 20 277 Menschen, kamen in der
Feuersbrunst ums Leben, die bis zu 1700 Hitzegrade
entwickelte - eine Temperatur,
in der menschliche Körper zerfielen. 80 Prozent der Wohnungen
wurden zerstört, die Innenstadt völlig
vernichtet, galt sie doch den Luftkrieg-Strategen
aufgrund ihrer engen Bebauung als "besonders gut
brennbar".
Ursula Moessner-Heckner in ihrem Buch:
"Der Tod trat in vielen Gestalten an die
gequälten Menschen. In manchen Kellern
waren sie wegen der Gasentwicklung eingeschlafen. Andere wiederum
wurden durch den Luftdruck der Bomben sofort
getötet. Dann jedoch starben viele
einen qualvollen Tod durch Verbrennungen, durch den Feuersturm.
Schrecklich war es für die Menschen, die
verschüttet waren. Sie wussten, dass
es keine Hilfe für sie gab. Viele Kranke und andere bettlägerige
Personen konnten nicht die Keller aufsuchen. Sie
hörten das Heulen und das Bersten
der Bomben, sahen die Feuer und konnten sich nicht in Sicherheit
bringen. Der
23.Februar ist Pforzheims Stunde Null. Alle historischen Gebäude sind
verschwunden. Dort, wo Johannes Reuchlin einst
schritt und Melanchthon zur Schule
ging, häufen sich die Trümmer, unter denen die Toten noch jahrelang
liegen."
BUCH-HINWEIS: Die Zitate wurden entnommen dem Band:
Ursula Moessner-Heckner: Pforzheim Code Yellowfin.
Eine Analyse der Luftangriffe 1944-1945.
Quellen und Studien zur Geschichte der Stadt Pforzheim.
Band 2.
Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1991 (ISBN
3-7995-7402-6). |