Die Arbeit von Frau Moessner-Heckner
bezieht sich nicht nur auf das Lesen von Archivmaterial, sondern auch
auf eigenes Erleben. Deshalb sind ihre Aufzeichnungen von höherem Wert
als "hochwissenschaftliche" Werke , weil von der Seele
geschrieben, für die nachkommenden Generationen verständlich und
Gefühle sichtbar werden lassend.
"Es war ein unvorstellbares
Inferno"
Die Historikerin und Zeitzeugin Ursula Moessner-Heckner über den
vergessenen Feuersturm von Pforzheim
Moritz Schwarz
Frau Moessner-Heckner, Jörg Friedrich weist in seinem Buch
"Der Brand" darauf hin, daß die eigentliche
Bombenkriegstragödie nicht in Dresden und Hamburg stattgefunden hat,
sondern in den deutschen Mittelstädten. Zwei Drittel aller
Luftkriegsopfer starben hier. Als Beispiel nennt er die Tragödie von
Pforzheim.
Moessner: Pforzheim wurde am 23. Februar 1945 angegriffen und
zerstört. Militärisch völlig sinnlos, weil der Krieg schon so gut wie
zu Ende war und Amerikaner und Freifranzosen bereits im Elsass standen.
Sinnlos auch, da das Städtchen aus alliierter Sicht nur unbedeutende
Kriegsindustrie hatte?
Moessner: Darum ging es nicht. Hätte der Krieg noch länger
gedauert, wäre irgendwann jede deutsche Stadt an die Reihe gekommen, es
wären auch Bamberg, Göttingen, Heidelberg, etc. vernichtet worden. Man
darf es getrost ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit nennen, denn es
ging darum, Terror zu verbreiten.
Und darum, einen Feuersturm zu entfachen, dem höchsten
Vernichtungsziel der Royal Air Force - das alte Pforzheim war leicht
brennbar?
Moessner: Dokumentiert ist das nicht, aber vermutlich ging es darum.
Ziel der Angriffe war es, ein Flammenmeer zu entzünden.
Dank des entfachten Feuersturms kam es zu einer Katastrophe,
infernalischer als der Atombombenabwurf auf Nagasaki, wo jeder siebte
Einwohner umkam?
Moessner: In der Stadt waren damals wohl etwa 60.000 Menschen. In
drei Stunden kamen etwa 18.000 um, also etwa jeder Dritte. Es war ein
unvorstellbares Inferno!
Sie haben als Achtjährige alles miterlebt?
Moessner: Unser Haus am Stadtrand wurde von zwei Bomben getroffen,
meine fünfjährige Freundin, die neben mir im Keller saß, wurde von
der Explosion weggerissen und verbrannte. Wir konnten schließlich zur
nahen Enz flüchten, das Flüsschen rettete uns das Leben. Am nächsten
Morgen glühte die Stadt, überall lagen verbrannte Menschen, manche
eingeschmolzen in den Asphalt.
Pforzheim wurde in dieser Nacht auf einen Schlag vom Antlitz der Erde
getilgt?
Moessner: Ja, bis auf einige Kirchen ist die alte Stadt völlig
vernichtet. Bei den Recherchen für mein Buch traf ich auch Piloten, die
an dem Angriff beteiligt waren. Einer erzählte mir davon, dass er
neulich in seiner alten Heimat in Wales gewesen sei und empfahl mir, es
ebenso zu tun. Doch das geht nicht, denn die Stätte meiner Kindheit
gibt es seit Februar 1945 nicht mehr.
...aus JF-Archiv -> hier
Ursula Moessner-Heckner, 65, ist Historikerin und gebürtige
Pforzheimerin. Zuletzt lehrte sie an der San-Jose-State-University/USA.
1991 erschien ihre Studie "Pforzheim: Code yellowfine. Eine Analyse
der Luftangriffe 1944-1945" bei Thorbecke in Stuttgart. |