Eine Seite gegen das Vergessen und gegen alle Kriegstreiber
Feuersturm über Pforzheim - www.23-Februar-1945.de

Texte aus dem Internet - 03 

Die Leidensgeschichte von Hamburg stellvertretend für die vielen deutschen Städte, die Flächenbombardements zum Opfer fielen. Es ist unvorstellbar, diesen Text zu lesen und anschließend dafür zu sein, dass Städte bombardiert werden, um die Zivilbevölkerung zu töten und die Infrastruktur zu vernichten. Es scheint die Anonymität des Tötens zu sein, die auch noch heute deutsche Politiker - egal welcher Partei - in die Lage versetzt, sich an Bombardements zu beteiligen...


1999 - Fortsetzung des politischen Wahns mit deutscher Beteiligung

Jeder, der Bombenkriege initiiert und befiehlt, der Bombenkriege ausführt und sich beteiligt, hat sich des Wahnsinns bewusst zu sein. 

Es ist unglaublich, dass eine deutsche Regierung im Jahre 1999 - getragen von "sozial" und "umweltfreundlich" ausgerichteten Parteien - die Bombardierung von Belgrad zuließ. Die Bombardierung stand und steht im krassen Widerspruch zu den Grundwerten beider Parteien. Die Basis der Parteien hat nicht einmal den Versuch unternommen, ihre "Führer" von diesem Vorhaben abzuhalten! Den Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen haben damit Schröder und Fischer, die SPD und die Grünen/Bündnis90 verloren. Ihre Aussagen müssen mit dem Prädikat "zynisch" belegt werden: 

Bundeskanzler Schröder, Außenminister Fischer und Verteidigungsminister Scharping nannten den Bombenkrieg eine "humanitäre Aktion". Haben sie sich zu wenig mit der deutschen Geschichte beschäftigt?

Dazu schreibt Jutta Ditfurth: "...Der US-Kongress hatte bald keine Bedenken mehr gegen Joseph Fischer. 1996 in Washington "kam er bei einer Begegnung mit Abgeordneten des außenpolitischen Ausschusses sehr gut an" (State Department). 1998, kurz vor der Bundestagswahl, bestand Fischer sein letztes Examen: Bei einem Besuch in den USA soll er versprochen haben, im Kriegsfall auf Seiten der Bomber zu stehen. Nur naive Wähler der Grünen waren überrascht, als neun von 48 grünen Bundestagsabgeordneten am 16. Oktober 1998, rund drei Wochen nach der Bundestagswahl, einen Vorratsbeschluss unterstützten, sich an eventuellen Nato-Luftangriffen gegen Jugoslawien zu beteiligen. Ich schrieb: "Von deutschem Boden kann wieder ein Krieg ausgehen. Die Nato hat eine rotgrüne Kriegsregierung auf Abruf." Auch dafür gab's harsche Kritik. Fünf Monate später waren deutsche Flugzeuge über Belgrad in der Luft..."

In den Folgejahren wurde in Meinungsumfragen stets Fischer als beliebtester Politiker Deutschlands ermittelt...

Die folgenden Berichte über Hamburg sind Zeugnis des Wahnsinns "Bombenkrieg".

Video -> hier
 


Hamburg im Feuersturm - Teil 1 - Operation Gomorrha: Als 700 britische Bomber Kurs auf Hamburg nahmen.
Von Matthias Gretzschel

Wenn die Sonne schien, empfanden die Menschen das nicht mehr als Glück. Spannte sich der weite norddeutsche Himmel wolkenfrei und in makellosem Blau über die Hansestadt, schauten die Hamburger sorgenvoll nach oben. Vor allem nachts, wenn die Sterne funkelten und der Vollmond die verdunkelte Stadt in verräterisch helles Licht tauchte, hatten viele Menschen Angst und sehnten sich nach Nieselregen und tief hängenden Wolken, dem grauen Einerlei des Hamburger Schmuddelwetters, über das sie sich zu normalen Zeiten gern beklagten. Aber normal waren die Zeiten nicht mehr im glutheißen Sommer des Jahres 1943.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli nahmen etwa 700 britische Bomber Kurs auf die zweitgrößte Stadt des Deutschen Reiches. Die 30 Tonnen schweren, viermotorigen Lancaster formierten sich zu einem "Bomberstrom" von mehr als 300 Kilometer Länge. Sie bildeten eine gewaltige Formation, die eigentlich das deutsche Radar hätte orten müssen. Aber diesmal blieben die Radarposten blind, die Horchstationen taub, unfähig, die deutschen Jäger zu alarmieren, die Flak-Mannschaften zu warnen, die Verteidigung zu organisieren.

Etwa 50 Kilometer, bevor die Bomber die deutsche Nordseeküste erreichten, hatten die Mannschaften damit begonnen, 24,5 Zentimeter lange und zwei Zentimeter breite Streifen aus Metallfolie abzuwerfen. Insgesamt 90 Millionen dieser Stanniolstreifen regneten vom Himmel und ließen die deutschen Radargeräte verrückt spielen. Die deutsche Luftabwehr konnte nicht erkennen, wie viele Bomber unterwegs waren und über welcher Stadt sie in dieser Nacht Tod und Verderben bringen würden. Die 80 Hamburger Flak- und 22 Scheinwerfer-Stellungen wurden damit ebenso ausgeschaltet wie die Jäger der deutschen Luftwaffe, die sonst für die schwerfälligen Lancaster-Bomber eine ernste Bedrohung waren.

Diesmal hielt nichts die Bomber auf, deren Spitze gegen ein Uhr das Hamburger Stadtgebiet erreicht hatte. Was konnten die jungen Männer an Bord der Lancaster aus 4000 Meter Höhe von der Stadt sehen, die sie jetzt bombardieren sollten? Was wussten sie von Hamburg? Hatten sie von der Reeperbahn gehört, von St. Pauli, vom Hafen? Hatten sie eine Vorstellung von dem, was sie in wenigen Minuten da unten bewirken, ausrichten, anrichten würden?

Die meisten von ihnen wussten nichts, und sie sahen nichts. Wie immer hatte man ihnen gesagt, sie würden militärische Ziele und Anlagen der Rüstungsindustrie bombardieren. Piloten, Bordingenieure, Navigatoren, Funker, MG- und Bombenschützen, die stundenlang in drangvoller Enge unterwegs waren, hatten vor allem Angst, Todesangst, denn sie mussten einen in jeder Hinsicht mörderischen Job erledigen: Junge Männer, meist kaum älter als 20, hatten sich zu insgesamt 30 Einsätzen verpflichtet - nur jeder Dritte sollte am Ende überleben.

Aber in dieser Julinacht über Hamburg erlitt die britische Bomberflotte kaum Verluste. Wenn die Piloten durch ihre Glaskanzeln nach unten sahen, konnten sie nicht viel von der Stadt erkennen, kaum Straßen, keine Häuser, sondern nur viele Lichtpunkte, Leuchtmarkierungen in Rot, Grün und Gelb.

Diese Orientierung gab ihnen ein Vorauskommando, die so genannten Pfadfinder-Flugzeuge, die - dirigiert von einem in 8000 Meter Höhe kreisenden Masterbomber - die Abwurfzone farbig absteckten. Für alle Hamburger Großangriffe von 1940 bis 1945 war die Nikolaikirche der Zielpunkt. Der mit 145 Metern nach dem Kölner Dom und dem Ulmer Münster dritthöchste deutsche Kirchturm, erbaut 1846 - 74 ausgerechnet von einem Engländer, dem Architekten John Gilbert Scott, wies den englischen Pfadfindern den Weg.

"Markierungsbomben zeichnen wie ein Leuchtstift eine Fläche ins Dunkle. Die Munitionsträger entladen in diese Fläche hinein. Sie ist der Umriss der Vernichtung. Was innerhalb ihrer Kontur sich befinden mag, ist für den Bomber ohne Belang. Er platziert einen Abwurf in einem Leuchtrahmen. Dieser ist anzubringen, wo das Stadtzentrum vermutet wird; das besorgen Markierer, während den Bomber der Zuschnitt des Maßnahmegebiets nichts angeht", schreibt der Historiker Jörg Friedrich in seinem Buch "Der Brand" über die Technik der Zielmarkierung.

Für die Bomber-Besatzungen blieb das Ziel abstrakt, sie bombten nicht auf Straßen, Häuser, Kirchen, nicht auf Menschen, schlafende Kinder, schreiende Frauen, sondern nur auf Farbflächen. Es war zwei Minuten nach ein Uhr, als die erste Bombe abgeworfen wurde. Wahrscheinlich traf sie einen Häuserblock an der Wendenstraße in Hammerbrook, genau weiß das niemand. Was in den folgenden drei Stunden geschah, blieb bis dahin ohne Beispiel, erinnert an Katastrophen biblischen Ausmaßes.

Ob es Arthur Harris, Churchills Luftkriegschef, persönlich war, der sich den Decknamen "Operation Gomorrha" hatte einfallen lassen? Im 1. Buch Mose, Kapitel 19 heißt es: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war."

Um aus Hamburg Gomorrha werden zu lassen, hatten britische Experten umfangreiche Untersuchungen angestellt, hatten die Brennbarkeit der ortsüblichen Bauweise untersucht und die Bombentechnologie - die Mischung der verschiedenen Bombenarten, deren Dimensionierung und Einsatzdichte - immer weiter perfektioniert. In Hamburg wurde das Zerstörungswerk außerdem durch die Wetterlage begünstigt. Dazu schreibt Jörg Friedrich: "In der schwülen Hochsommernacht auf den 28. Juli stand die Temperatur zwischen 20 und 30 Grad. Im Zusammentreffen von Klima, Brandmischung, Verteidigungskollaps und Blockbaustruktur trat ein, was Harris' Codewort ,Gomorrha' der Operation unterlegte: Wie Abraham im 19. Kapitel der Genesis schaute er gegen die sündige Stadt und sah: Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm von einem Schmelzofen. Er zerschmolz zwischen vierzig- und fünfzigtausend Personen."

Wie in Zeitlupe fielen die 4000 Pfund schweren Minenbomben hinab, die von den Engländern "Blockbuster" oder "Wohnblockknacker", von den Hamburgern aber auf Grund ihrer zylindrischen Form "Badeöfen" genannt wurden. Um eine Stadt wie Hamburg anzuzünden, um sie in einem alles verzehrenden Feuer untergehen zu lassen, mussten Splitter-, Minen- und Brandmunition in genau kalkulierten Reihenfolge und Quantität abgeworfen werden. Die Sprengbomben durchschlugen Dächer, Wände, Mauern und sorgten dafür, dass die Brandbomben genügend entzündliche Nahrung finden würden. Sofort nachdem kurz nach ein Uhr die ersten Bomben eingeschlagen waren, brannten einige Häuser, um etwa 1.15 Uhr waren es schon ganze Wohnblocks, um 1.30 Uhr bildeten Tausende von Häusern ein einziges Flammenmeer.

Während sich den Bombercrews ein unglaubliches Schauspiel bot, das manche von ihnen an einen aktiven Vulkan erinnerte, war es für die Menschen in der Stadt das Inferno der Hölle. Es war 2.25 Uhr, als der Dienstführer der Luftschutzleitung Hamburg in sein Protokollbuch einen neuen, bislang unbekannten Begriff eintrug: "Feuersturm". Das, was er gemeldet bekam, überstieg alle Erfahrungen früherer Bombenangriffe, es ließ sich mit keinen bis dahin gebräuchlichen Wörtern beschreiben.

Feuersturm bezeichnet ein physikalisches Phänomen. Es entsteht, wenn sich mehrere Brandherde vereinigen. Dann wird die glühend heiße Luft wie in einem Kamin durch den Auftrieb kilometerweit nach oben gesaugt. Am Boden entsteht zugleich ein enormer Unterdruck, der mit unglaublicher Gewalt die Luft aus der gesamten Umgebung in den Brandherd saugt und diesem so neuen Sauerstoff zuführt und ständig neu anfacht.

Mehr als fünf Stunden tobte am 28. Juli der Feuersturm, der erst abzuebben begann, als er nicht mehr ausreichend Nahrung fand. Tausende Menschen wurden erfasst, mitgerissen und binnen Sekunden verbrannt. Andere erstickten in den Bunkern, wurden von Mauern oder herabstürzenden Dächern erschlagen, verschüttet, zerquetscht.

Der Angriff vom 28. Juli 1943 war der schlimmste, aber nicht der erste, der Hamburg heimgesucht hat. Vom 18. Mai 1940 bis zum 17. April 1945 war die Hansestadt Ziel von insgesamt 213 Luftangriffen. Bei der "Operation Gomorrha", die zwischen dem 25. Juli und dem 3. August insgesamt sechs Angriffe umfasst hat, wurden nach Angaben der Hamburger Historikerin Ursula Büttner insgesamt 4491 Tonnen Spreng- und 4192 Tonnen Brandbomben auf Hamburg abgeworfen. Das kostete 34 000 Menschen das Leben - 82 Prozent aller Hamburger Luftkriegsopfer. Es gab 125 000 Verletzte, und 900 000 Menschen wurden obdachlos. Mehr als die Hälfte aller Wohnungen und ein großer Teil der öffentlichen Gebäude, Krankenhäuser, Schulen und Bahnhöfe waren zerstört. Erst Mitte August war die Strom-, Wasser- und Gasversorgung zumindest notdürftig wieder hergestellt.

In Hamburg leben heute noch etwa 200 000 Menschen, die 65 Jahre oder älter sind und sich an den Feuersturm erinnern können. Aber wie verarbeitet man so ein grausames Erlebnis, auch wenn es inzwischen sechs Jahrzehnte zurückliegt?

Das Hamburger Abendblatt hat Zeitzeugen gesucht und seine Leser gebeten, sich an das Geschehen vor 60 Jahren zu erinnern. Die Resonanz war überwältigend. Die Redaktion erhielt viele Briefe, Tagebücher und Augenzeugenberichte, in denen sich Menschen erinnern und ihre Geschichten vom Sterben und Überleben erzählen - bewegende Geschichten, die manche zum ersten Mal berichten. In der kommenden Woche wird das Abendblatt täglich eine Auswahl davon abdrucken und zugleich über die verschiedenen Aspekte der "Operation Gomorrha" berichten.

Warum haben britische Bomber vor allem Wohngebiete angegriffen und damit Zivilisten getötet, während die kriegswichtigen Hafenanlagen erst später von der US-Luftwaffe zerstört wurden? War das Konzept des "Moral Bombing", also die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung, erfolgreich? Wurde damit eine Demoralisierung erreicht und der Krieg verkürzt, wie Arthur Harris, der Chef des Bomber Command, bis an sein Lebensende glaubte? Oder waren die Überlebenden des Bombenkriegs einfach nur abgestumpft? Welche Auswirkungen hatten die Bombardements auf Hamburgs Stadtbild? Waren die Opfer in der Zivilbevölkerung tatsächlich ein Tabu-Thema, und wie sind sie in der deutschen Literatur dargestellt worden? Diese und andere Fragen werden wir in unserer zehnteiligen Serie "Hamburg im Feuersturm" thematisieren, begleitet von historischen, zum Teil bisher unveröffentlichten Fotos.

Gewiss, der Krieg war von Deutschland begonnen und vor allem im Osten von Anfang an auf verbrecherische Weise geführt worden. Und bevor die ersten Bomben auf deutsche Städte gefallen waren, hatten deutsche Flugzeuge ihre Bombenlast auf Guernica, Warschau und Rotterdam abgeworfen. Aber war die von der Royal Air Force betriebene Zerstörung von Wohngebieten und Tötung Hunderttausender Zivilisten deshalb gerechtfertigt? Schon während des Kriegs hatten sich in England vor allem Repräsentanten der anglikanischen Kirche gegen die barbarische Strategie des Bomber Command gewandt. Wie der Bombenkrieg heute völkerrechtlich bewertet wird und wie deutsche und britische Historiker urteilen, wird auch Thema der Serie sein.

erschienen am 19. Juli 2003 in Wochenende

Als die ersten Bomben fielen - Teil 2 

Deutschlands zweitgrößte Stadt geriet achteinhalb Monate nach Kriegsbeginn ins Visier der gegnerischen Bomberpiloten - die ersten Bomben fielen auf Hamburg. Anfangs kaum mehr als schmerzhafte Nadelstiche und noch eine Sensation für viele Menschen. Doch bald war klar, dass die Spreng- und Brandbomben aus den Bombenschächten britischer Lancaster-Maschinen auch die Zivilbevölkerung zum Ziel haben würden. Drei Jahre später planten britische Militärs die großen Vernichtungsangriffe.

Von Josef Nyary

Hamburg - Am 18. Mai 1940 um 0.28 Uhr dringen rund 30 Kampfflugzeuge der Royal Air Force (RAF) aus Richtung Nordsee in Hamburgs Luftraum ein. Sie klinken über Altona, St. Pauli, dem Hafen und Harburg 400 Brand- und 80 Sprengbomben aus. Häuser und Schuppen gehen in Flammen auf. 34 Menschen sterben, 72 werden verletzt.

Mit diesem ersten Angriff, so Hans Brunswig in seinem Standardwerk "Feuersturm über Hamburg", "gelang es der RAF zum ersten Mal, den Lebens- und Arbeitsablauf einer für die deutsche Kriegswirtschaft wichtigen deutschen Großstadt spürbar zu beeinträchtigen". Es war nur das Vorspiel.

Als Hitler am 1. September 1939 den Krieg gegen Polen verkündet, rechnet an Alster und Elbe niemand mit Luftangriffen. Die Kriegserklärung Englands und Frankreichs zwei Tage später aber macht die Etappen- zur Frontstadt. Schon am 4. September um 17.35 Uhr beendet Fliegeralarm eine Luftschutzbesprechung beim Oberbranddirektor. Bis Frühjahr 1940 werfen die Briten über Hamburg nur Flugblätter ab. Nach dem Angriff vom 18. Mai werden Sirenen, Flakfeuer und Luftschutzkeller Alltag.

Eine Sprengbombe trifft am 19. Mai das Maschinenhaus der Werft von Blohm & Voss. Am 20. Mai durchsieben Bombensplitter fünf mit Walöl gefüllte Tanks in Harburg. 3000 Tonnen laufen in die Umwallung aus, werden aber zurückgepumpt. Am 18. Juni beschädigt eine Bombe die Brücke über die Süderelbe, am 20. Juni fällt nach Treffern im E-Werk Neuhof in der Nippoldstraße der Strom aus - immer bringen Reparaturtrupps die Dinge schnell wieder zum Laufen. Einen Vorgeschmack auf den Terror gegen die Zivilbevölkerung gibt es am 3. Juli: Ohne Vorwarnung stößt ein britisches Kampfflugzeug aus den Wolken und wirft an der Ecke Steilshooper Straße/Elligersweg vier Sprengbomben zwischen spielende Kinder. Zwei Männer, vier Frauen und elf Kinder sterben.

Im Juli verfehlen Bomben die Schnelldampfer "Europa" und "Bremen" nur um wenige Meter. Ein Volltreffer setzt einen Schmieröltank der Rhenania-Ossag im Petroleumhafen in Brand. Am Steindamm schlägt eine 50-Kilo-Bombe durch drei Stockwerke und explodiert im Keller neben einem Kinderwagen - das Baby bleibt wie durch ein Wunder unverletzt und soll, so Brunswig, seinem Ärger über die plötzliche Störung "mit lautem Gebrüll Luft gemacht haben".

Bis Ende 1940 fliegen die Engländer 70 Luftangriffe gegen die Stadt. Die Einwohner sitzen 233 Stunden im Luftschutzraum. 1417 Spreng- und 4248 Brandbomben töten 125 Menschen und verletzen 567. Der Sachschaden wird auf 16 Millionen Reichsmark geschätzt.

erschienen am 21. Jul 2003 in Hamburg

 

Neuartige Bomben gegen Hamburg -Teil 3

Während sich die alliierten Bombenstrategen immer ausgefeiltere Angriffspläne ausdenken, wird für die Menschen in Hamburg die Hölle zum Alltag: Luftalarm - ab in den Bunker. Danach werden die Treffer besichtigt. Die Bomben verändern die Stadt, anfangs nur punktuell, dann immer spürbarer. Fotografieren ist streng verboten. Dennoch werden die Schäden auf Fotos festgehalten - dienstlich und privat. Die Fotos auf dieser Seite stellte uns ein Abendblatt-Leser zur Verfügung - sie wurden nie zuvor gedruckt.

Von Josef Nyary

Hamburg - "1941 wird die Vollendung des größten Sieges unserer Geschichte bringen", prahlt Hitler zum neuen Jahr, doch es bringt die Wende zur Katastrophe, für Deutschland und für Hamburg. Der "Führer" überfällt die Sowjetunion und erklärt den USA den Krieg. Die Hamburger werden Opfer des ersten Bombardierung mit über 100 Toten, der ersten Minen- und der ersten Phosphorbomben.

"Es ist keine Phrase, sondern blutiger Ernst, wenn wir versichern, dass auf jede Bombe zehn oder, wenn notwendig, hundert zurückgeworfen werden", verspricht Hitler. Doch seiner Drohung, er werde Englands Städte "ausradieren", folgt längst Flüsterspott: "Dem Adolf haben sie den Radiergummi geklaut!"

Die britische Luftwaffe fliegt am 13. März den ersten Doppelangriff: Sie bombardiert Hamburg von 23.12 bis 2.40 Uhr, und dann nochmals ab 4.10 Uhr. 300 bis 400 Brand- und 20 Sprengbomben treffen Blohm & Voss.

In den Nächten zum 9., 11. und 12. Mai geht die erste Angriffs-Serie auf die Stadt nieder. Dabei fallen überschwere Sprengbomben, bald Wohnblock-Knacker oder "Badeöfen" genannt. Eine explodiert auf der Straße Tieloh in Barmbek-Nord. Der Luftdruck bläst zehn Häuser um, in den Trümmern sterben 79 Menschen. Im Hafen entzünden 100 Brandbomben 34 Tanks der Deutschen Erdölwerke am Reiherstieg.

Auch die City wird schwer getroffen: Aus Börse und Deutscher Bank schlagen Flammen, das Warenhaus Köster am Großen Burstah brennt aus. Dabei "zeigte sich, wie gefährlich Deckendurchbrüche durch Rolltreppen sind", schreibt Hans Brunswig, Abteilungsleiter "Technischer Dienst" im Stab des Kommandeurs der Feuerschutzpolizei, in seinem Standardwerk "Feuersturm über Hamburg": Die Flammen fressen sich durch die Öffnungen in alle Stockwerke vor.

Auch die Engländer hatten Verluste. Am 28. Juni sehen Hamburger beim Verlassen der Luftschutzkeller, wie deutsche Nachtjäger fünf RAF-Bomber mit Leuchtspurgeschossen fixieren und vom Himmel holen. Ein Havarist schlägt am Schwanenwik auf. In der Nacht zum 16. September setzt die Royal Air Force über Hamburg eine neue Brandmunition ein: dünne Weißblech-Kanister mit 20 Kilo Phosphor-Kautschuk-Benzinlösung. Das Teufelszeug spritzt 50 Meter weit, ist kaum zu löschen und verursacht schwer heilbare Verbrennungen: Beginn des "aerochemischen Krieges".

Am 9. November trifft ein RAF-Bomber trotz großer Tarnnetze den Hauptbahnhof. Ende 1941 bilanziert Hamburg 42 Luftangriffe mit bis zu 4000 Pfund schweren Bomben, 626 Tote, 1959 Verletzte, 7015 Obdachlose und Schäden von 175 Millionen Reichsmark.

erschienen am 22. Jul 2003 in Hamburg

 

Flammenmeere und Flaktürme -Teil 4

Waren die Bombenangriffe der Alliierten bisher nur punktuell von verheerender Wirkung, muss die Feuerwehr nun immer häufiger machtlos zusehen, wie Spreng- und Brandbomben ganze Straßenzüge in Schutt und Asche legen. Und dann zittern die Menschen in Bunkern und Luftschutzkellern um ihr Leben. Die ständigen Luftalarme, das Sirenengeheul, das Krachen der Bomben und die Angst sitzen all denen, die es miterlebt haben, bis heute tief in den Knochen. Nach der Entwarnung wird gerettet, was geblieben ist.

Von Josef Nyary

Hamburg - In der Nacht zum 4. Mai 1942 wirft die RAF nach einer neuen Taktik nur 30 Spreng-, aber 3500 Brandbomben auf die Stadt, mehr als je zuvor. In St. Pauli und in Hammerbrook gehen Dutzende Häuser in Flammen auf, doch Hamburgs 60 Löschzüge sind vorbereitet. 77 Menschen kommen um, die meisten in den Trümmern ihrer Häuser.

Ein noch schwererer Schlag trifft die Stadt in der Nacht zum 27. Juli, und diesmal ist die Feuerwehr machtlos: Die RAF fliegt den 122. Angriff seit Kriegsbeginn auf Hamburg - 403 Maschinen werfen 724 Tonnen Bomben ab. 31 Minenbomben, 588 Sprengbomben aller Kaliber, 68 000 Stabbrandbomben und 1591 Phosphor-Brandbomben lösen 508 Großfeuer, 127 Mittel- und 1958 Kleinfeuer aus - zum ersten Mal so viele gleichzeitig, dass die Feuerwehr nicht mehr nachkommt. 337 Menschen sterben, 823 Häuser werden zerstört, mehr als 5000 beschädigt.

Alsterpavillon, Alsterhaus und Hamburger Hof brennen. Am Barmbeker Schwalbenplatz detoniert eine 1000-Kilo-Bombe im Hof des Frauenwohnheims und saugt 140 Wohnungen aus dem Eisenbeton-Skelett; leere Waben bleiben zurück.

Doch auch die Luftabwehr hat Erfolge: Nachtjäger, Vorpostenboote, Flak- und Marineartillerie schießen 37 Bomber ab. Zwei Tage später stoppt die deutsche Flak sogar den nächsten RAF-Angriff schon vor Hamburg.

1942 verlieren bei 15 Luftangriffen 494 Hamburger ihr Leben. 1662 werden verletzt, 15 000 obdachlos, die Schäden betragen 275 Millionen Reichsmark. "Für die folgenden Jahre wird keine Schadenssumme ermittelt", schreibt Hans Brunswig in seinem Buch "Feuersturm über Hamburg", "sie lagen danach in Milliardenhöhe."

Noch hoffen viele Hamburger, der Luftkrieg gehe bald zu Ende. Auf dem Heiligengeistfeld wächst der "Flakturm IV Hamburg", bestehend aus "Leitturm" und "Gefechtsturm", je 47 Meter hoch.

In England landen die ersten US-Bomber, ihr Kommandierender General sagt der "Daily Mail": "Ich glaube, dass es möglich ist, den Feind aus der Luft zu vernichten. Durch Zerstörung seiner Flugzeugfabriken kann man seine Luftwaffe ausschalten. Durch Zerstörung seiner Rüstungsfabriken und Verkehrswege kann man seine Heere zum Stehen bringen. Durch Zerstörung seiner Werften kann man es ihm unmöglich machen, Unterseeboote zu bauen."

Und: "Die deutschen Arbeiter brauchen Häuser, um darin zu leben, und Versorgungsbetriebe, um sich am Leben zu erhalten. Diese sind gegen Luftangriffe außerordentlich empfindlich. Niemand wird gern unter der Erde arbeiten, wenn er weiß, dass vielleicht in seiner Abwesenheit sein Heim zerstört und seine Familie vernichtet wird."

erschienen am 23. Jul 2003 in Hamburg

 

"Die Moral des Volkes brechen" - Teil 5

Hamburg ist inzwischen auf das Schlimmste vorbereitet: eine halbe Million Menschen kann in Schutzräume fliehen, für 600 000 Menschen ist die Evakuierung aufs Land vorbereitet. In den Planungsstäben der Alliierten wird derweil an Konzepten für gewaltige Großbombardements gearbeitet, die nicht nur die materiellen Ressourcen von Deutschlands Kriegsindustrie treffen sollen, sondern die direkt auf die Zivilbevölkerung zielen. Für die Hamburger heißt das: Der Schrecken des Bombenkriegs wird noch intensiver.

Von Josef Nyary

Hamburg - Troja versank in Schutt und Asche, Karthago wurde ausgehungert und dann in Brand gesteckt, Alexandria ging in Flammen auf", schreibt Hans Brunswig, Augenzeuge und Chronist des Bombenkrieges. "Auf dem europäischen Kriegsschauplatz des Zweiten Weltkriegs ist wohl nur eine Stadt mit dem langfristig und sorgfältig vorbereiteten Ziel ihrer völligen Zerstörung durch eine Serie von Bombardements angegriffen worden: Hamburg."

Mit dem "Unternehmen Gomorrha" sollten jene biblischen Schreckenstage wiederkehren, an denen Gott Schwefel und Feuer auf Sodom und dessen ebenso sündige Schwester regnen ließ. "Ich hatte schon immer den Wunsch gehabt, Hamburg einmal wirklich direkt aufs Korn nehmen zu können", sagt Luftmarschall Sir Arthur Harris. "Es war die zweitgrößte Stadt Deutschlands, und ich wollte dort einmal etwas wirklich Ungeheures veranstalten."

Das himmlische Feuer, so heißt es im Alten Testament, "vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war". Die 791 Bomber, die am Sonnabend, dem 24. Juli 1943, in den Abendstunden von ihren südenglischen Flugplätzen Richtung Elbe starten, sollen nach den Beschlüssen Roosevelts und Churchills in Casablanca "die deutsche Wirtschaft, Industrie und Wehrmacht zerstören sowie die Moral des deutschen Volkes so weit brechen, dass seine Fähigkeit zum bewaffneten Widerstand entscheidend geschwächt wird".

Hamburg ist gewarnt. Aus den Dachböden ist alles Brennbare entrümpelt. 1442 Luftschutzräume, 773 splittersichere Sonderbauten und 139 bombensichere Bunker fassen 500 000 Menschen, ein "Reichsumquartierungsplan" soll notfalls 600 000 Hamburger auf dem Land unterbringen. Ein Scheinhafen an der Unterelbe vor Hamburg mit Feuergräben, Brandflächen und Lichttricks soll die Piloten verleiten, die tödliche Last über Wiesen und Moor abzuwerfen.

Im Winter und Frühjahr sind nur wenige Bomben gefallen, meist auf den Hafen und Außenbezirke. An der Großen Elbstraße aber brennt ein Getreide-Lagerhaus so hell, dass man noch an den Elbbrücken im Schein der Riesenfackel Zeitung lesen kann. Und nach einem Angriff am westlichen Stadtrand am 3. März warnt ein Lagebericht: "Bedenkt man, dass Wedel ein Landstädtchen in lockerer Bauweise ist und viele Bomben ins Freie fielen, dann erhebt sich die Frage, welche Auswirkungen ein derartig massierter Angriff auf geschlossene, dicht bebaute Stadteile der Großstadt Hamburg gehabt hätte."

Das "Unternehmen Gomorrha" wird es auf fürchterliche Weise zeigen.

erschienen am 24. Jul 2003 in Hamburg

 

Tote, überall Tote - Teil 6

In der Nacht zum 25. Juli 1943 beginnt eine Angriffsserie auf Hamburg, die nur ein Ziel hat: die Stadt zu vernichten und die Menschen zu demoralisieren. Die Hamburger erleben in diesen Nächten entsetzliche und grausame Szenen inmitten einer infernalischen Zerstörungskraft, die alles übersteigt, was sie bisher im Krieg durchleiden mussten.

Sie sind unvergessen.

Leichen auf Trümmerfeldern, erstickt, verschüttet, von zusammenbrechenden Häusern erschlagen, zerschmolzen, oft bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, andere werden - so wie diese beiden Kinder - wie schlafend am Ort ihres Todes gefunden. Es sind die Überreste der verzweifelten Menschen, die dem Inferno nicht entkommen konnten.

Das ist das grausame Gesicht des Bombenkriegs, das waren die Bilder, die an den Tagen nach den Angriffen ganze Stadtviertel beherrschten. Im Zweiten Weltkrieg sterben in Hamburg fast 55 000 Menschen an den Folgen der Bomben.

Monatelang werden Sträflinge und KZ-Häftlinge aus Neuengamme in den zerbombten Stadtvierteln eingesetzt, um die Toten zu bergen. Tausende können nicht identifiziert werden, sie werden in Massengräbern beigesetzt. Von einigen Tausend Menschen verliert sich in jenen Nächten jede Spur. Die Hamburger haben ihre Toten von damals bis heute nicht vergessen.

erschienen am 25. Jul 2003 in Hamburg

 

Ganze Stadtviertel ausgeglüht - Teil 7

Waren die Angriffe auf Hamburgs Zivilbevölkerung berechtigt? Fragen an den britischen Botschafter

Von Günter Stiller

"Europa, unsere Gemeinsamkeiten und die Frage, wie wir noch besser voneinander lernen können, unsere wirtschaftlichen Probleme zu lösen - das sind die wahren Schwerpunkte meiner Arbeit in Berlin, nicht die Schrecken unserer Vergangenheit", sagt Sir Peter Torry (54), der britische Botschafter in der Bundesrepublik.

Sir Peter ist der Mann, der während der Gedenkfeier für die britischen "Feuersturm"-Angriffe auf Hamburg im Sommer 1943 die ungewöhnlichen Worte fand: "Zwischen 1939 und 1945 war Europa einem Wahn erlegen. Die Ereignisse vom Juli 1943 waren ein besonders schlimmer und zerstörerischer Ausdruck dieses Wahns." Sir Peter Torry steht Deutschland und Hamburg nahe: In Berlin im Blockade-Jahr 1948 als Sohn eines britischen Besatzungsoffiziers geboren, lebte er von 1950 bis 1952 mit seinen Eltern in Hamburg, der zerstörten Stadt: "Als Drei- oder Vierjähriger bekam ich von den Zerstörungen natürlich nicht viel mit", sagt er im Gespräch mit dem Abendblatt. "Ich kann mich nur an ein aufregendes Ereignis erinnern: Auf der Alster entkam ich meiner Mutter mittels einer Fähre und machte ganz allein eine Rundfahrt. Meine Mutter war schockiert, aber auch sehr glücklich, als sie mich wiederfand."

Hält er die Nachtangriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung für berechtigt?

"Man muss beachten, dass die Feuersturm-Katastrophe von Hamburg im Sommer 1943 geschah. Damals konnte unsere Armee noch nicht auf das europäische Festland vordringen, weil sie zu schwach war. Stalin setzte Großbritannien damals schwer unter Druck und forderte zu seiner Entlastung eine zweite Front", sagt der "von der Geschichte faszinierte" Diplomat.

"Heute vergisst man die Stimmung in der 30er-Jahren, als die Experten glaubten, man könnte die Rüstungsfabriken des Gegners durch Bomben zerstören. ,Die Bomber kommen immer durch!', hieß es. Dass dies nicht stimmte und dass die Moral der Bevölkerung selbst durch die schwersten Luftangriffe nicht unterminiert werden konnte - das wissen wir erst heute."

Wann erfuhr der junge Torry von den deutschen Luftangriffen auf London anno 1940/41?

"In den 50er-Jahren, durch persönlichen Augenschein, als ich die Zerstörungen sah, die von deutschen Bomben verursacht worden waren. Natürlich sprachen auch meine Eltern darüber. Meine Mutter lebte während der schweren Luftangriffe, dem so genannten ,Blitz', in der Hauptstadt, meine Schwester wurde dort 1943 geboren, und 1944 kamen dann die fliegenden Bomben und Raketen, die von den Deutschen ,Vergeltungswaffen' genannt wurden."

Der britische Spitzendiplomat, der über sich mit Recht sagen kann "Ich bin ein Berliner", glaubt nicht, dass die jüngste Debatte über den Bombenkrieg die "sehr guten Beziehungen" zwischen den beiden Völkern beschädigen kann: "Wenn ich in Großbritannien mit dem Mann auf der Straße spreche, erlebe ich viel Interesse für Deutschland, vor allem für seine wirtschaftliche Lage, die für uns sehr wichtig ist: 250 000 Jobs in Großbritannien sind abhängig von Deutschland. Und ein Fußballspiel gegen die Deutschen regt die Briten offenbar mehr auf als die schrecklichen Ereignisse, die in Kriegen unweigerlich zu passieren pflegen."

Der Botschafter erkennt, dass es eine Debatte gibt über die Art, wie deutsche Geschichte in britischen Schulen gelehrt werde: "Vielleicht konzentriert man sich bei uns zu sehr auf die Jahre von 1933 bis 1945."

Dass an britischen Schulen zu wenig Deutsch unterrichtet wird, dass Deutsch als Fremdsprache von Platz 2 durch Spanisch auf Platz 3 verdrängt wurde, ist Tatsache. Er weiß: "Die Sprache ist es, die Völker zusammenbringt." Durch sie könnten junge Briten etwa leichter erfahren, dass die Deutschen nach 1933 selbst die ersten Opfer des Nationalsozialismus waren: "Denken Sie an die SPD-Häftlinge in Dachau! Oder daran, dass eine tapfere Opposition am 20. Juli 1944 versucht hat, Hitler zu beseitigen."

Dem Diplomaten und seiner Familie ist es leicht gefallen, den Spitzenposten in Madrid zu verlassen und nach Deutschland zu gehen, wo Peter Torry von 1981 bis 1985 gearbeitet hatte. Seine beiden Töchter, in Bonn geboren, haben auf die Berlin-Versetzung jedenfalls so reagiert: "Schon okay, Daddy, Berlin ist genau so cool wie Madrid!" Und für Sir Peter ist es ein Bedürfnis, auch dies zu sagen:

"Lassen Sie uns den Blick nach vorne richten! Lassen Sie uns zusammen dafür kämpfen, dass die Schrecken der Vergangenheit nicht wiederkehren, wie wir es auf dem Balkan, in Afrika, in Afghanistan - und hoffentlich auch bald im Irak - so erfolgreich tun."

erschienen am 26. Jul 2003 in Hamburg

 

Der schrecklichste Tag - Teil 8

Die Feuersturm-Nächte vom Juli 1943 übertrafen alles, was die Menschen bisher an Gefahren und Grauenhaftem erlebt hatten. Eine Million Menschen verließen die an den Rand des Untergangs gebombte Stadt. Wer überlebt hatte, versuchte, mit den Resten seiner Habe und seiner Familie aufs Land zu flüchten. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden zu der entsetzlichen Aufgabe herangezogen, Zehntausende von Leichen zu bergen und sie zum Ohlsdorfer Friedhof zu bringen, um sie in Massengräbern zu begraben.

Von Josef Nyary

Hamburg - Leichen von Menschen, die versucht hatten, aus dem Flammenmeer zu entkommen, bedeckten am 28. Juli 1943 zu Hunderten die Straßen. Sie hockten auf Resten von Treppenstufen, sie saßen an verkohlte Bäume gelehnt, sie lagen mit hilfeheischend ausgestreckten Armen auf dem Pflaster. Viele von ihnen hatte die Glut in phantastische, irrsinnige Stellungen gezwungen. Aufgerissene Münder, hervorgequollene Augen . . . Dort eine Mutter, an jeder Hand ein Kind. Dort der Soldat mit den verkohlten Stümpfen der Beine . . ."

Die schaurigen Bilder entstammen dem Lagebericht des Polizeipräsidenten. Er schildert das Szenario des fünfstündigen Feuersturms am Mittwoch, 28. Juli 1943 - dem schrecklichsten Tag in Hamburgs Geschichte.

Von Mitternacht an vernichtet ein Bombenteppich unvorstellbarer Dichte den Südosten. Zehntausende Brände vereinen sich minutenschnell zur großflächigen Flammenhölle. In seinem Zentrum bieten auch die Keller keinen Schutz mehr, Tausende ersticken. Oben rast der Feuersturm mit Orkangewalt durch die Stadt, entwurzelt Bäume, wirft Löschfahrzeuge um, reißt Kinder von der Hand der Eltern, saugt immer neue Opfer in die Glut.

Die Flüchtenden hetzen über Berge von Schutt zu Parks und Kanälen, springen von Brücken ins Wasser, werden im Funkenregen nach Sekunden blind, sterben in brennenden Kleidern den Hitzetod oder werden von umherfliegenden Trümmern erschlagen. Die meisten Leichen, die später geborgen werden, sind geschwärzt und auf die Hälfte ihrer Größe geschrumpft.

Zwischen drei und vier Uhr früh stehen in Hohenfelde, Borgfelde, Hamm, Eilbek, Hammerbrook und Rothenburgsort Häuserzeilen von 215 Kilometern Länge in Flammen. Diesen Riesenbrand kann niemand mehr stoppen, Retter und Helfer kommen selber zu Hunderten um. Viele, die in Kellern überlebten, sterben, weil die Ausgänge verschüttet wurden und sie nicht rechtzeitig befreit werden.

Im fahlen Licht des neuen Tages steigt eine schwarze Todeswolke acht Kilometer hoch über der Stadt. Rund 35 000 Menschen sind tot, doppelt so viele verletzt, 2000 werden noch an ihren Verbrennungen sterben.

Fast eine Million Hamburger flieht mit der letzten Habe über Wandsbeker Chaussee, Horner Landstraße und Heidenkampsweg nach Holstein oder über die Elbbrücken nach Niedersachsen.

Abendblatt-Autor Egbert A. Hoffmann, der das Grauen am Pröbenweg miterlebte, schreibt: "In den Dörfern stehen die Bauern mit Wasser und Brot. Niemand hat sie darum gebeten. Sie stehen einfach da wie Statisten einer Massentragödie und wollen etwas tun." Die Tragödie ist noch nicht zu Ende.

erschienen am 28. Jul 2003 in Hamburg

 

Von 27 440 Menschen bleiben 66 - Teil 9

Am Morgen nach den Angriffen rollt ein unglaublicher Flüchtlingsstrom aus der schwer getroffenen Stadt: Fast eine Millionen Menschen verlassen die rauchenden Trümmergebiete und versuchen, sich außerhalb der Stadtgrenzen in Sicherheit zu bringen. Den Behörden, die versuchen, das Ausmaß der Schäden zu erfassen, wird rasch klar: Hamburg wird nie mehr sein, wie es einmal war. Trotzdem geschah nach dem Krieg das Wunder des Wiederaufbaus.

Von Josef Nyary

Hamburg - "Zu welchen Mitteln andere auch greifen mögen, die Regierung Seiner Majestät wird niemals absichtlich Frauen und Kinder und andere Zivilisten zum Zwecke des bloßen Terrorismus angreifen", verspricht Englands Premier Chamberlain am 14. September 1939 vor dem Unterhaus.

Vier Jahre später, so der "Hamburg-Bericht", stecken Bomber der Royal Air Force auf 56 Hektar im Südwesten der Stadt den größten Scheiterhaufen der Geschichte an: In sechs Stunden rasen zwei Milliarden Tonnen Luft als Feuersturm durch den acht Kilometer hohen Luftschlot, der Brand verzehrt die Energie von 100 000 Tonnen Holz.

"Die Schreckensszenen sind unbeschreiblich", meldet der "Hamburg-Bericht" aus dieser Nacht zum 28. Juli 1943. "Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt. Mütter mit ihren Kindern, Männer, Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Blässe wie Schaufensterpuppen, lagen sie in jeder Stellung, ruhig und friedlich oder verkrampft, den Todeskampf im letzten Ausdruck des Gesichts."

Schutzräume werden zur Todesfalle: "Es wird keiner Phantasie jemals gelingen können, die Szenen des Schreckens und des Grauens zu ermessen und zu beschreiben, die sich in zahlreichen verschütteten LS-Räumen abgespielt haben." Eine Phosphorbombe macht einen Keller am Grevenweg zur Flammenhölle, Soldaten geben sich den Gnadenschuss. Auf den Trümmern singt ein irrsinnig gewordenes Mädchen tanzend "Heimat, deine Sterne", bis es im Feuer verglüht.

Im Zentrum des Feuersturms, im dicht bebauten Hammerbrook zwischen Spaldingstraße, Heidenkampsweg, Grüner Deich und Nagelsweg, leben vor dem Angriff 27 440 Menschen - danach 66.

Lazarettzüge mit Schwerverletzten rattern Richtung Thüringen. Mit weißem Chlorkalk überstäubte Lastwagen bringen Zehntausende Opfer zum Massengrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Ostarbeiter und KZ-Häftlinge haben sie aus den Ruinen geborgen.

Der Terror geht weiter: In der Nacht zum 30. Juli verwandeln 726 RAF-Maschinen Barmbek, Uhlenhorst und Winterhude in ein Flammenmeer. Nur weil mehr als eine Million Menschen geflohen sind, bleibt die Zahl der Opfer mit etwa 1000 hinter früheren Verlusten zurück. Das alte Barmbek aber ist ausradiert, 27 495 Häuser sind zerstört.

Beim letzten Großangriff der "Operation Gomorrha" in der Nacht zum 3. August stören Gewitter den Pulk aus 740 Bombern, eine dichte Wolkendecke über Hamburg nimmt den Piloten die Sicht. Die Bomben fallen weit zerstreut, ein neuer Feuersturm bleibt aus. Es ist, als habe der Himmel endlich Mitleid mit der so schrecklich getroffenen Stadt.

erschienen am 29. Jul 2003 in Hamburg

 

Am Ende bleibt die Frage: Warum? - Letzter Teil

Für viele Menschen, die die Angriffe der "Operation Gomorrha" überlebt und die Flucht aus der brennenden Stadt überstanden haben, steht die Trauer um Angehörige im Mittelpunkt. Viele Familien haben alles verloren, was ihnen gehörte. Wer sich wieder gefunden hat, muss erst einmal Platz zum Leben schaffen. Das heißt: Wege durch die Trümmer schlagen, Lebensmittel besorgen, die übrig gebliebenen Wohnungen reparieren und zusammenrücken. Wer das Inferno erlebt hat, zweifelt nicht mehr am Ausgang des Krieges.

Von Josef Nyary

Hamburg - Gott zerstörte Sodom und Gomorrha an einem einzigen Tag: "Qualm stieg aus der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen", erzählt die Bibel. Die alliierte "Operation Gomorrha" gegen Hamburg dauert zehn Tage und zehn Nächte: vom 25. Juli bis zum 3. August 1943. In dieser Zeit werfen 2592 britische und 146 US-Bomber 8650 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die Stadt. 47 854 Menschen kommen um, unter ihnen 22 500 Frauen und 7000 Kinder. 357 360 Wohnungen - 49 Prozent des Bestandes - sind zerstört.

Doch die Stadt ist nicht tot. Unter 40 Millionen Tonnen Trümmern gräbt sich das Leben in den Boden, ducken sich Mütter mit Kindern in primitive Verschläge, suchen Menschen die trügerische Sicherheit niedriger Mauerhöhlen. Hamburg ist eine Steinwüste, aber auf dem "Adolf-Hitler-Platz" vor dem Rathaus findet 1943 ein Weihnachtsmarkt statt.

1944 setzen die Alliierten ihre Angriffe fort. Am 18. Juni legen sechs US-Kampfverbände mit 800 Maschinen Bombenteppiche über Hafen, City und Wohnviertel zwischen Eppendorf und Wilhelmsburg. Am 20. Juni führen rund 700 Bomber einen vernichtenden Schlag gegen Hamburgs Mineralölindustrie. In den Mittagsstunden des 25. Oktober kostet ein Angriff von rund 800 "Fliegende Festungen" der Amerikaner vor allem in Harburg rund 750 Menschenleben. Die letzten 30 Bomben fallen am 29. April 1945, als Hamburger Parlamentäre schon mit britischen Offizieren in der Nordheide die Übergabe der Stadt besprechen.

In dem riesigen, kreuzförmigen Massengrab an der Mittelallee des Ohlsdorfer Friedhofs zeigen Inschriften auf großen Holzbalken, dass hier ganze "Stadtteile" liegen: Hammerbrook, Barmbek, Rothenburgsort . . .

Gerhard Marcks, Lehrer der Landeskunstschule, schuf 1952 als Mahnmal einen Kalksteintempel. Auf einem Relief fährt Charon die Opfer in die Unterwelt. "Ich habe auf das vorchristliche Zeitalter zurückgegriffen, weil hier eine christliche Todesauffassung nicht am Platze war", sagte der Künstler. "Weder ist in dieser Art Tod etwas Versöhnliches noch starben die Bombenopfer als Märtyrer für eine Idee, sondern alle, Männer, Frauen und Kinder, wurden in den Wahnsinn der Vernichtung gerissen ohne Antwort auf die Frage: Warum?"

Am Rand erinnern kleine Täfelchen an einige der 36 918 dort bestatteten Toten: "Je höher die Flamme des Glückes brennt, desto schneller verzehrt sie." - "Unvergesslich lebt ihr in meinem Herzen weiter. Euer Pappi." - "Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah." - Manchmal steht dort nur ein Name: "Mutter. Christine Unverzagt." Und manchmal nur ein einziges Wort: "Guschi".

ENDE


Hamburg - Sir Peter Torry nennt den Bombenkrieg "...schlimmer und zerstörerischer Ausdruck des Wahns." 

Gedenken an Hamburgs größtes Leid
Feuersturm: Heute vor 60 Jahren begannen die schweren Luftangriffe auf die Hansestadt.

Von Veit Ruppersberg

"So etwas darf nie wieder passieren", mahnte der britische Botschafter Sir Peter Torry (54) im Hamburger Rathaus. Die Forderung "Nie wieder!" war neben der Erinnerung an die Opfer gestern das Leitmotiv des Gedenkens an den "Hamburger Feuersturm" vor 60 Jahren. "Es waren wohl die schrecklichsten und leidvollsten Tage, die unsere Stadt in ihrer Geschichte je sah", sagte Bürgermeister Ole von Beust (48) bei der Gedenkveranstaltung.

In den frühen Morgenstunden begannen heute vor 60 Jahren die schweren Luftangriffe auf Hamburg. Bis Anfang August 1943 verloren bei der "Operation Gomorrha", wie das britische Bomberkommando die Flächenbombardements nannte, mehr als 40 000 Menschen ihr Leben.

Bürgermeister von Beust beschrieb das Inferno gestern noch mal eindringlich, erinnerte aber auch: "Deutschland entfesselte den Zweiten Weltkrieg, zerstörte Städte wie Warschau, Rotterdam, Coventry und London." Grundsätzlich stellte er fest: "Schuld ist nicht eine Frage des Volkes. Schuld ist nie kollektiv, Schuld ist immer individuell."

Aber Hamburg habe nach dem Sommer 1943 wieder Mut und Kraft zum Neubeginn gefunden. Von Beust dankte dem Botschafter des Vereinigten Königreichs für sein Kommen. "Wir freuen uns über diese Geste der engen Verbundenheit."

Sir Peter Torry nannte die Angriffe der Royal Air Force auf Hamburg "besonders tragisch, weil keine andere Stadt in Deutschland ein so gutes und enges Verhältnis zu Großbritannien hat wie Hamburg". Die Verbindungen seien Jahrhunderte alt, und heute lebten mehr als 5000 Briten in der Hansestadt an der Elbe. Jedoch: "Zwischen 1939 und 1945 war Europa einem Wahn erlegen. Die Ereignisse vom Juli 1943 waren ein besonders schlimmer und zerstörerischer Ausdruck dieses Wahns."

Hamburg ist für den Botschafter "vielleicht das beste Beispiel für eine Stadt, die aus den Trümmern und dem Terror wieder auferstanden ist". Sir Peter Torry würdigte die Wiederaufbauleistung der Hamburger, erwähnte aber auch die Hilfestellung der britischen Militärregierung hier nach dem Krieg. Torry, Sohn eines Offiziers, während der Blockade in Berlin geboren, lebte als Kind zwei Jahre in Hamburg.

Er erinnert sich aber auch, in jungen Jahren die Zerstörungen durch die deutsche Luftwaffe in London gesehen zu haben. Der Botschafter berichtete das bei der Besichtigung der Ausstellung "1943 - Hamburg vor 60 Jahren" auf der Rathausdiele. Gunnar Wulf (48) und Kerstin Rasmußen (42) von der Geschichtswerkstatt Hamm führten durch die Dokumentation, die auch die Kriegszerstörungen in London und Coventry erwähnt.

Bürgerschaftspräsidentin Dorothee Stapelfeldt (46) hatte vorher ebenfalls der Hamburger Katastrophe von 1943 gedacht. "Das Leid erfüllt uns heute noch mit Trauer", sagte sie. Es sei das Ergebnis eines von Deutschland entfesselten verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieges gewesen. Verantwortungsbewusste Erinnerung und Versöhnung seien notwendig, betonte Hamburgs Erste Volksvertreterin.

Die Gedenkstunde im Großen Rathaus-Festsaal hatte etwa 500 Teilnehmer, darunter Vertreter des Konsularischen Korps, amtierende und ehemalige Politiker und viele betagte Hamburger. Jüngste Teilnehmerin war Viktoria Nedebock (10), an der Seite ihrer Großmutter Lore Meyer (76). "Ich habe in Eimsbüttel alles miterlebt", sagte Lore Meyer später, von der Erinnerung ergriffen.

Am Bombenopfer-Ehrenmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wo 36 918 Tote des Feuersturms in vier Massengräbern ihre letzte Ruhe fanden, legten Präsidentin Stapelfeldt, Botschafter Torry und Hamburgs Bürgermeister Kränze nieder. "Die Erinnerung ist vielfach abstrakt geworden und hat an Kraft verloren", sagte Ole von Beust. "Deshalb sind Augenblicke wie diese wichtig."

Ein Gesteck in den Farben der Trikolore legte Mauricette Levieux (80) nieder, mit ihrer Tochter Rolande Cauchard (54) aus Le Havre angereist. Die frühere Vorsitzende der französischen Kriegswaisen-Organisation verlor im Juli 1943 ihren Mann Roland. Er hatte als Kriegsgefangener bei der Firma DVG in Hammerbrook gearbeitet.

erschienen am 25. Jul 2003 in Hamburg in der Welt

 

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