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Es gehört einiges dazu, einen Text wie den
nachstehenden zu verfassen. Was will Bernd Hein bezwecken? Dass in
Pforzheim Kriegsmaterial hergestellt wurde, kann auf der Homepage der
Stadt nachgelesen werden und auch die Historikerin Moessner-Heckner
erfasst diese Tatsache in ihrem Buch. Es bleibt jedoch die Frage, was
ist kriegsnotwendiges Material. Darf ein Bauernhof bombardiert werden,
weil dort die Grundlagen für das Brot für den Soldaten gewonnen
werden?
Hein scheint der Stadt zu unterstellen, dass
ihre offiziellen Vertreter - mehrfach wird der OB genannt - versuchen, die
Schuldfrage einseitig darzustellen. Darauf, dass mit einem Mahnmal der
Toten gedacht werden soll und gleichzeitig eine Mahnung für die Zukunft
ausgeht, lässt sich der Autor nicht ein.
Bernd Hein schreibt im Freitag (nähere Angaben
u.a.)
Kehrwoche am Wallberg
Bernd Hein
25.02.2000 - P forzheim - Wie eine Stadt die
NS-Rüstungsindustrie aus ihrer Erinnerung zu streichen versucht
Der Wallberg über dem badischen Pforzheim
darf nicht länger die Geschichte der Stadt erzählen, wie er es elf
Jahre lang getan hat. Irgendwann in den nächsten Wochen werden
Bauarbeiter kommen und die Gedenktafel herunterholen, die das
Bombardement vom 23. Februar 1945 schildert. Eine neue Plakette
verschweigt die Hintergründe des Angriffs.
Der Angriff dauerte 19 Minuten. Als die Lancaster-Bomber der Royal
Air Force (R.A.F.) um 20.11 Uhr abdrehten, hatten sie 18.000 Menschen
getötet. Pforzheim brannte aus. Es war für seine Goldschmieden und
Schmuckwerkstätten bekannt - doch in den Fabriken fügten die Arbeiter
während des Krieges keine bunten Steine in Fassungen. Dort wurden
Zünder für Flakgranaten sowie für Raketen vom Typ V 1 und V 2
zusammengeschraubt, mit denen die Deutschen Großbritannien
bombardierten.
Oberbürgermeister Joachim Becker (SPD) glaubt, seine Stadt sei nie
wichtig genug für einen Angriff gewesen. »An jenem Tag lagen Wolken
über dem Primärziel Ruhrgebiet, also flog der britische Kommandant
Arthur Harris Richtung Süden«, sagt er. Ein Terrorangriff also, weil
die Alliierten nichts von den Rüstungswerken Pforzheims gewusst
hätten.
Heute, 55 Jahre später, sind die Narben in der Innenstadt mit Beton
gefüllt. Die Pforzheimer Friedensinitiative hatte sich 1989 mit dem
Gemeinderat auf einen Gedenktext für den Wallberg geeinigt. Man zählte
Daten und Fakten auf und schloss: »Der totale Krieg - vom
nationalsozialistischen Deutschland entfacht - richtete sich nun gegen
unsere Stadt. Absicht der Alliierten war es, die Bevölkerung
kriegsmüde zu machen und wichtige Zweige der Rüstungsindustrie
auszuschalten.« Der Berg war in den fünfziger Jahren mit den Trümmern
der Stadt aufgeschüttet worden. Ein Landschaftsarchitekt hatte
vorgeschlagen, eine ebene Betonplatte auf seine Spitze zu legen. Die
kantige Silhouette sollte als Mahnmal zu erkennen sein. Büsche und
Bäume haben heute die Kontur überwuchert, zugewachsen ist auch die
Erinnerung der Bürger an die Kriegszeit. Die badischen Stadtpolitiker
schätzen den Brauch der Kehrwoche und wenden ihn nicht nur auf
Gehsteige an. Sie versuchen, ihre Lokalgeschichte zu putzen.
Oberbürgermeister Becker stieß Ende der achtziger Jahre auf ein
Buchprojekt der deutsch-amerikanischen Historikerin Ursula
Moessner-Heckner über den Pforzheimer Bombenangriff. Ihre Untersuchung
erschien 1991 und trägt den Namen »Code Yellowfin«. Zum großen Teil
wurde das Buch im Pforzheimer Archiv lektoriert, die Stadt
subventionierte die Druckkosten. Moessner-Heckner kommt zu dem Schluss,
es habe keine zwingenden militärischen Gründe für das Bombardement
gegeben.
Das Buch kam dem OB gerade recht. Für seinen Populismus ist Joachim
Becker - seit über 15 Jahren Rathauschef am Nordrand des Schwarzwaldes
- bekannt. Nicht nur in seiner eigenen Partei versuchte sich der
egozentrische Sozialdemokrat immer wieder als selbst ernannter
»Querdenker«. Und natürlich weiß Becker, wie leicht Wunden in der
Stadt aufbrechen können, der die Folgen des Angriffs noch immer
deutlich ins Beton-Gesicht geschrieben sind.
1990 zitierte der OB auf einem Symposium in Dresden aus dem Buch von
Moessner-Heckner. Mit Herbert Wagner (CDU), dem Oberbürgermeister der
sächsischen Landeshauptstadt, war Becker sich einig in der Empörung
über ein Ehrenmal, das Veteranen in London zu Ehren des
R.A.F.-Befehlshabers Arthur Harris aufstellten. Schließlich sei der
Weltkrieg fast zu Ende gewesen, der Bomber-Kommandant habe in Pforzheim
und Dresden lediglich Zivilisten ausradiert. Aus München applaudierte
die National Zeitung des DVU-Chefs Gerhard Frey. Alle deutschen
Politiker seien »Weicheier«, nur Becker habe sich ermannt, donnerte
das Blatt.
Auf die Untersuchung der Geschichtsforscherin gestützt formierten
sich alsbald wütend die Gegner der Gedenktafel. Die Pforzheimer
schossen in der Lokalpresse Briefe aufeinander ab und warfen sich
Erinnerungsfetzen an die Köpfe. »Was an jenem 23. Februar geschah, war
schlicht und einfach Mord«, empörte sich ein Leser der Pforzheimer
Zeitung. Ein anderer schrieb: »Die Sühne-Deutschen sind das Übel all
dessen, was uns als deutschem Bürger heute noch zugemutet wird.« Eine
Leserin befand: »Die Erinnerungstafel auf dem Wallberg war schon beim
Guss Makulatur.«
Sie wollten das Wort »Rüstungsindustrie« aus dem Text der
Gedenktafel verschwinden lassen. Der Gemeinderat setzte seinen
Kulturausschuss darauf an, man diskutierte und beschloss am 15. April
vergangenen Jahres, den letzten Satz zu amputieren. »Der totale Krieg -
vom nationalsozialistischen Deutschland entfacht - richtete sich nun
auch gegen unsere Stadt.« Die Mehrheit fand, damit sei die Rolle
Pforzheims genügend berücksichtigt. »Ob Pforzheim ein
Rüstungsstandort war, da streiten sich die Gelehrten. Kriegswichtig war
er sicher nie«, sagt Florentin Goldmann, stellvertretender
Fraktionssprecher der CDU. Seine Kollegin von der SPD, Dorothea Luppold,
nimmt sich in Schutz: »Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration, kann also
nichts Genaues wissen.« Vorsichtshalber stimmte sie mit ihren
Parteikollegen der gekürzten Fassung zu, ebenso wie die Gemeinderäte
der Grünen Liste.
Zwei Mitglieder der Friedensinitiative, Gerhard Brändle und Uwe
Behner, protestierten. Behner dokumentierte auf zweieinhalb Pfund
Papier, was er in den Archiven fand: Obwohl schon 250 französische
Kriegsgefangene in der Stadt schufteten, war der Hunger nach
Arbeitskräften im August 1940 unstillbar groß. Am 27. Juli 1942
gründeten örtliche Unternehmer die »Pforzheimer
Barackengemeinschaft«. Der Verein sollte den Bau der Unterkünfte
organisieren. Im benachbarten Brotzingen entstand das »Russenlager«,
Ende 1942 waren dort 206 Frauen und 46 Männer interniert. Im »Eutinger
Tal« richtete man das »Italienerlager« ein. Im Mai 1944 malochen in
101 Betrieben 18.622 Arbeitskräfte für den Endsieg. Die
66-Stunden-Woche ist zur Norm erklärt.
Hobby-Historiker Behner fand auch einen Brief, den die Gestapo am 17.
Dezember 1943 an den Direktor des städtischen E-Werkes schickte. Sie
teilte mit, das Reichsluftfahrtministerium wisse zuverlässig, dass die
Alliierten »Vernichtungsangriffe auf Pforzheim« beabsichtigten. Die
Stadtverwaltung legte in 20 Umlandgemeinden Lebensmittellager an,
bunkerte an 31 Orten Fertigkleidung, Stoffe, Schuhe und Haushaltswaren.
Luftschutzstollen wurden gegraben.
Udo Behner erhielt auf seine Veröffentlichungen aus dem Rathaus nur
eine Reaktion. Joachim Becker schrieb: »Sie sind ein unzivilisierter
Mensch.« Behner lacht. »Ich habe nur dokumentiert, jeder der will,
kann es nachlesen.« Auch sein Kollege Gerhard Brändle lässt sich
nicht entmutigen. »Manche meinen, sie könnten durch eine Abstimmung
Tatsachen verändern. Die wollen doch nur mit einer weißen Weste in die
Kiste hüpfen.« Brändle wird weiter bohren. Auf das Drängen der
Friedensinitiative schloss sich die »Metallschlauchfabrik Witzenmann«
unlängst dem Zwangsarbeiterfonds an.
Die Stadt Pforzheim war auch Mitglied der »Barackengemeinschaft«.
»Nein, wir haben nie daran gedacht, Entschädigungen zu zahlen, wir
folgen dem Rat des Deutschen Städtetages, der Zurückhaltung empfohlen
hat«, sagt Oberbürgermeister Becker.
aus http://www.freitag.de
- Hervorgegangen aus dem »Sonntag«, Ostberlin, gegründet 1946 vom
Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, und der
»Volkszeitung«, ehemals »Deutsche Volkszeitung«, gegründet 1953 in
Düsseldorf von Reichskanzler a. D. Dr. Joseph Wirth, und der »Tat«,
gegründet 1950 in Frankfurt/M. von der VVN. |