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Chris Brandt war gerade einmal neun Jahre alt und fast Opfer... 

 

Verlauf des Angriffs

Am Freitag, den 23. Februar 1945, ertönten, wie an den Vortagen, die Luftschutzsirenen schon von den frühen Morgenstunden an. „Akute Luftgefahr" bestand von 10.10 bis 10.50 Uhr, von 10.55 bis 11.10 Uhr, von 11.45 bis 14.10 Uhr und von 16.45 bis 17.45 Uhr. Die öffentlichen Luftschutzräume und -Stollen waren ständig besetzt. Meist kreisten Einzelflieger über der Stadt. In den Nachmittagstunden überflog ein kleiner Verband ganz langsam und verhältnismäßig niedrig die Stadt in Ost-Westrichtung. Zu Bombenabwürfen kam es aber nicht. So verlief der Tag voll Unruhe und Aufregung. Durch die in den frühen Abendstunden erfolgte Entwarnung konnten die Berufstätigen wenigstens die Betriebe verlassen und Züge und Omnibusse die Pendler in ihre Wohnorte zurückbringen.

Nachdem von der Luftschutzwarnstelle Karlsruhe der Einflug einiger Flugzeuge aus dem Raume Hagenau und wenig später ein kleiner Verband mit Flugrichtung Stuttgart gemeldet worden waren, wurde „Öffentliche Luftwarnung" gegeben. Als dann starke Verbände ebenfalls mit Flugrichtung Stuttgart angekündigt waren, erfolgte kurz nach 19.45 Uhr Auslösung des Signals „Akute Luftgefahr". Starkes Motorengeräusch einzelner Flugzeuge wurde über der Stadt hörbar und etwa um 19.50 Uhr erfolgte ein Großangriff, durch den die Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde, durch den mehr als 17 000 Menschen in einem Orkan von Feuer und Explosionen den Tod fanden, durch den Tausende aus ihrer Heimatstadt, die ihnen keine Heimstätte mehr bieten konnte, vertrieben wurden. 

Vor dem eigentlichen Angriff hatten aus westlicher Richtung kommende Flugzeuge den Abwurfsraum durch Setzen von Leuchtzeichen bestimmt. Der Angriff selbst wurde von Osten her in mehreren Wellen mit 368 Maschinen der Royal Air Force — 361 Lancasters und 7 Mosquitos — geflogen, die von einer großen Zahl von Flugplätzen in den Grafschaften Yorkshire, Lincolnshire und East Anglia gestartet waren. Während 22 Minuten wurde die Stadt mit Spreng- und Brandbomben, mit Brandkanistern und Luftminen in einem Gesamtgewicht von rd. l 575 t — Sprengbomben und Luftminen rd. 742 t (darunter 330 36 z-Bomben bzw. Luftminen) und Brandmassen rd. 833 t — beworfen. Vom Gaswerk bis etwa zur Linie Wildergrundallee — Germaniastraße — Westl. Karl-Friedrich-Straße — Merianstraße, auf einer Länge von 3 km und einer Breite von 1 ½ km lag buchstäblich Haus bei Haus in Trümmern. Die Brandbomben wurden noch weiter hinausgestreut, wodurch eine Anzahl abseits gelegener Häuser ebenfalls noch abbrannte. Verschont blieben nur die Stadtteile an der Peripherie in allen vier Himmelsrichtungen. Über Beginn und Dauer des Angriffs gehen die Meinungen zum Teil sehr auseinander, doch dürften die oben vermerkten Zeiten nach sorgfältiger Prüfung der Wirklichkeit wohl am nächsten kommen. Die Angaben über Anzahl und Ausgangsbasen der Flugzeuge und das Gewicht der abgeworfenen Bomben und Brandmassen beruhen auf einer Mitteilung des Britischen Luftfahrtministeriums. Aufgrund der Angaben von Wehrmachts-, Staats- und Parteidienststellen hatte seinerzeit die Funksendestelle Deckenpfronn über den Angriff als Sofortmeldung folgenden Funkspruch an das Reichspropagandaministerium durchgegeben:„Pforzheim am 23. 2. 45; 4—500 schnelle Kampfflugzeuge 4 mot.; Dauer 20 Minuten; 2—3000 Sprengbomben, davon 92 Blindgänger; 100 Minen, davon ein Blindgänger; 55 Langzeitzünder; 100000 Stabbrandbomben, davon 1500 Blindgänger; 20000 Stabbrandbomben mit Sprengsatz, davon 500 Blindgänger; 6—700 Flammstrahlbomben und Flüssigkeitsbrandbomben; 6—7000 Gefallene; 3500 Verletzte; 45000 Obdachlose."Die erste Sprengbombe fiel in das Gaswerkgelände. In der Innenstadt bildeten sich alsbald riesige Flächenbrände, die sich zum Feuersturm steigerten.

Während des Angriffs war an ein Eingreifen der Feuerwehren und Rettungsmannschaften nicht zu denken. Die Maßnahmen mussten sich daher auf Hilfeersuchen an polizeiliche und militärische Dienststellen in Karlsruhe und Stuttgart beschränken, die mittels Fernschreiber von der auf dem Wallberg befindlichen Luftschutzbefehlsstelle aus erreicht wurden. Aber auch sofort nach Abflug der Bomberverbände konnten Feuerwehren und Luftschutzpolizeikräfte keine systematische Bekämpfung der Brände im Stadtinnern durchführen. Die abhängige Löschwasserversorgung war ganz ausgefallen, ebenso auch drei Brandweiher durch Leerlaufen. Ferner war der Einsatz der schweren Löschfahrzeuge der Feuerwehr im Westen am Enzvorland nicht möglich, da beiderseits umfangreiche Mauereinstürze und große Bombentrichter eine Zufahrt nicht gestatteten. Ein Legen von Wassergassen verhinderten die Schuttmassen, die Straßen und Gassen ausnahmslos, zum Teil 2 bis 3 Meter hoch, deckten. Die noch einsatzfähigen Teile der hiesigen Freiwilligen Feuerwehr, die in Dillweißenstein stationierte Kompanie des Feuerwehr-Regiments 6 Karlsruhe, das hiesige Landesschützenbataillon und die von auswärts herbeigeeilten Kräfte mussten daher am Rande der betroffenen Stadtteile zu löschen versuchen, was auch vielfach gelang. Auf diese Weise konnten im Osten der Stadt vor allem die Gaswerkanlagen und im Westen die als Hauptlazarett dienende Osterfeldschule vor dem vollständigen Niederbrennen gerettet werden.

Der Feuersturm, durch immer neue abgeworfene Brandmassen weitergeschürt, hatte nach 10 Minuten Angriffsdauer bereits seinen Höhepunkt erreicht. Auffallend war der schnelle Zusammenbruch der Großbrandstellen im Innern der Stadt, wobei die Industriebauten mit weniger brennbarer Masse bald schwarz ausgebrannt waren. Für die Stärke des Feuersturms ist bezeichnend, dass beispielsweise in Stuttgart-Degerloch Briefbogen eines Arztes und in Zuffenhausen solche einer Fabrik gefunden wurden. Von den auf den Höhen um Pforzheim gelegenen Ortschaften sah es aus, als ob ein Feuerregen auf die Stadt niederginge. Der durch den Brand glutrot gefärbte nächtliche Himmel war bis über Tübingen hinaus erkennbar. Wegen des Feuersturmes wagten sich viele Menschen nicht sogleich nach dem Angriff ins Freie. Auch täuschten, da jede Entwarnung unmöglich war, die nachträglichen Explosionen von Zeitzünderbomben eine Fortdauer des an sich schon beendeten Angriffs vor. So blieben die Menschen in Luftschutzräumen und Kellern und erstickten, da die Flammen der Luft den Sauerstoff entzogen hatten, oder es traten, was allerdings von sekundärer Bedeutung ist, Vergiftungen durch Kohlenoxyd ein. Wer aber noch hinausrannte, erlag den atemberaubenden Feuerglutwellen der inzwischen sich entwickelten Flächenbrände und Feuerstürme. Daher auch die vielen grässlich verstümmelten Leichen auf den Trümmerhaufen. In dieser Hölle gab es nur für wenige energisch sich durchkämpfende Menschen ein Entkommen, denn die unerträgliche Hitze und der Kampf um Sauerstoff waren Gegner, die jeden schwachen Menschen zum Erliegen brachten. Vielfach boten Enz und Nagold noch eine letzte Zufluchtsmöglichkeit, zumal durch vorher angelegte Treppen der Zugang zu den Flussvorländern erleichtert war. Schwierig wurde die Lage an der Enz längs der Arkaden, da durch die Beschädigung des Nonnenmühlwehrs die angestauten Wassermassen plötzlich in Bewegung kamen und die Vorländer längs der Arkaden für längere Zeit überfluteten. Mehrere Personen, die dem Feuertod entgehen wollten, mussten dann noch in den Fluten ihr Leben lassen. Auch ertranken Menschen in Kellern der Zerrennerstraße und am Waisenhausplatz durch Stauungen des Mühlkanals bzw. eines Vorflutkanals.

Im Wehrmachtsbericht vom 24. Februar 1945 fand der Großangriff wie folgt Erwähnung: „In den frühen Abendstunden richtete sich ein schwerer britischer Angriff gegen Pforzheim.“ Feuerwehrkräfte Außer den hiesigen noch verfügbaren Feuerwehrkräften waren 24 nachbarliche Feuerwehren, meist aus dem Landkreis Pforzheim, Feuerwehrbereitschaften aus Bruchsal, Karlsruhe und Neuenbürg, das Feuerwehr - Regiment 6 Karlsruhe und das in Bad Rappenau stationierte LS-Regiment des Stuttgarter Luftgaukommandos (Lu.Mot. 54) am Einsatz beteiligt. Die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Pforzheim hatte etwa 70 Mann Verluste, davon kamen 32 Feuerwehrmänner des I. Löschzuges (Weckerlinie) im öffentlichen Luftschutzraum des Anwesens Marktplatz 10 ums Leben, 12 Feuerwehrleute ertranken im Feuerwehrhaus am Waisenhausplatz. Durch Stauungen eines unterirdischen Vorflutkanals, hervorgerufen durch Bombentreffer in der Großen Gerberstraße, waren plötzlich Wassermassen in die Kellerräume eingebrochen. Eine nach dem Wartberg befohlene weitere Abteilung des I. Löschzuges wurde auf der Anfahrt von der vollen Wucht des Angriffs erfasst. Damit war der für den Einsatz an Schwerpunkten vorgesehene I. Löschzug (Weckerlinie) bis auf einen kleineren zum Kupferhammer abgeordneten Teil ausgefallen, ebenso auch die im Feuerwehrhaus am Waisenhausplatz eingerichtete Befehlsweitergabestelle.

Die Mannschaften der übrigen Löschzüge hatten größtenteils bereits Nachtbereitschaft bezogen und zwar der II. Löschzug im Brauhauskeller, Goldschmiedeschule und Saalbau, der III. Löschzug auf dem Buckenberg, am alten Schlachthof (Messplatzgerätehaus), im Stadt. Krankenhaus und auf dem Wartberg, der IV. Löschzug in der Nordstadtschule, der V. Löschzug von Dillweißenstein bis zum Kupferhammer und der VI. Löschzug in Brötzingen.

 

Ärztliche Betreuung

Für erste Hilfeleistungen im Falle eines Großangriffs waren 6 Rettungsstellen eingerichtet worden, von denen 5 jeweils unter Leitung eines Arztes standen, dem eine entsprechende Anzahl von Helfern und Helferinnen zugeteilt war.

Von den vier im eigentlichen Stadtgebiet gelegenen mit Ärzten besetzten Rettungsstellen fielen drei aus (Nordstadtschule, Museum und Schwarzwaldschule) und nur die im Gymnasium befindliche blieb als einzige erhalten. Aber auch hier war es zunächst nur ein Arzt, dann zwei Ärzte, die sich einem Strom von Verunglückten gegenüber sahen, und erst später gesellten sich noch einige Hilfskräfte hinzu. Während unten in den Kellerräumen Hunderten erste Hilfe zuteil wurde, brannte darüber das Schulgebäude vollkommen nieder. Phosphor- und Rauchvergiftungen der Augen, Knochenbrüche, Verbrennungen; noch Gehfähige, fast Erblindete, auf Tragbahren, ausgehängten Türen, auf rohen Brettern, auf den Rücken ihrer Mitmenschen Herangeschleppte; es war ein Bild des Jammers und des Elends.

Das Altersheim wurde Krankenhaus. Soweit ihre Unterbringung hier nicht mehr möglich war, wurden die Schwerverletzten nach Herrenalb, Neuenbürg, Bad Liebenzell, Mühlacker, Maulbronn und Bretten transportiert.

 

Unterkunft

Die Überlebenden fanden in den erhalten gebliebenen Randbezirken der Stadt, in Baracken und Gartenhäuschen ein behelfsmäßiges, ja vielfach menschenunwürdiges Unterkommen. Aber auch in den Ortschaften der Landkreise Pforzheim, Vaihingen und Calw suchten viele Ausgebombte ein Obdach.

Eine vom Statistischen Amt aufgestellte Bevölkerungsbilanz der Stadt Pforzheim für die Jahre 1939 und 1945 ist vor allem deshalb sehr aufschlussreich, weil hier die einzelnen Stadtteile einander gegenübergestellt werden. Zwar berücksichtigt das Zahlenmaterial außer dem 23. Februar auch die übrigen auf Pforzheim erfolgten Luftangriffe, doch fallen diese, sowohl was die Verluste an Menschen als auch das Ausmaß der Zerstörungen anbetrifft, gegenüber dem Großangriff kaum ins Gewicht.

 

Bevölkerungsbilanz der Stadt Pforzheim für die Jahre 1939 und 1945

Am 17. 5. 1939

am 31. 12. 1945

 

 

wirkl. Zahl

v. H.

I. Marktplatz

4112

0

0

II. Altstadt

5109

2

0,1

III. Oststadtpark

4895

1621

33

Summe Stadtteil Altstadt (ganz) I-III

14116

1623

11,5

IV. Leopoldplatz

4416

13

0,3

V. Sedan (eigentl. Sedanviertel)

4220

582

14

VI. Rod

2703

3012

111,4

Summe Stadtteil Sedan (ganz) IV-VI

11339

3607

31,8

VII. Weststadt (eigentl.)

4108

513

12

VIII. Bohrain

3447

1522

44

IX. Wilhelmshöhe

3425

1231

36

Summe Stadtteil Weststadt (ganz) VII-IX l

10980

3266

29,7

X. Seeberg

4262

1055

25

XI. Au (eigentliche)

3700

483

13

XII. Holzhof

4433

1681

38

Summe Stadtteil Au (ganz) X-XII

12395

3219

26

XIII. Pfälzerplatz

4387

2696

61

XIV. Wartberg (eigentl.)

4194

5013

120

Summe Stadtteil Wartberg (ganz) XIII u. XIV

8581

7709

89,8

XV. Schanz

3114

1858

60

XVI. Hachel (eigentl.)

3186

2755

86

Summe Stadtteil Hachel (ganz) XV u. XVI

6300

4613

73,2

XVII. Alt Brötzingen

3420

3798

111,1

XVIII. Wallberg

3305

3906

118

XIX. Arlinger (eigentl.)

3695

4948

134

Summe Stadtteil Brötzingen (ganz) XVII-XIX

10420

12652

121,4

XX. Stadtteil Dillweißenstein (ganz)

4300

5537

128,8

Stadt insgesamt*)

78431

42226

53,8

 

Verpflegung

Noch in der Nacht des Großangriffs erfolgten die Vorbereitungen zur Inbetriebnahme der Großküche im Seehaus und am Samstag, den 24.Februar, wurde sie dann erstmals eingesetzt. Die anfallenden Arbeiten übten dienstverpflichtete Frauen aus. Für die evakuierten Pforzheimer wurden Kochstellen in Würm, Eutingen und durch Einsatz eines Hilfszuges auch in Dietlingen, später noch eine in Dillweißenstein hinter der Papierfabrik und außerdem Behelfsküchen u. a. in Büchenbronn und Huchenfeld eingerichtet. Es wurden ausgegeben — anfänglich kostenlos —: Frühstück, zu Mittag Eintopfessen und kaltes Abendbrot. Auf Lastkraftwagen wurden die Essenkanister zu den zahlreichen, etwa 10 bis 15 Ausgabestellen in den verschiedenen Stadtteilen gefahren. Auf diese Weise wurden in der Stadt und in den Landorten in den ersten Tagen nach dem Großangriff täglich etwa 30 000 Menschen versorgt.

Wenn etwas in Ordnung ging bei den katastrophalen Zuständen, dann war es die Verpflegung der vielen Ausgebombten. Zwar waren die bei den Großhändlern gelagerten Lebensmittel gleichfalls vernichtet worden, durch die vorsorglichen Auslagerungen des Städt. Ernährungsamtes waren aber fürs erste ausreichende Lebensmittelbestände verfügbar.

In der erhalten gebliebenen Buckenbergkaserne wurde sofort eine Verpflegungs- und Aufnahmestation für alte und kranke Leute eingerichtet. Die Nachbarhilfe war zum Teil vorbildlich, insbesondere was die Anlieferungen aus Bad Liebenzell und Calw anbetraf. Bis die in den Vororten gelegenen Bäckereien die örtliche Brotversorgung übernehmen konnten, wurde die Stadt von Karlsruhe aus mit Brot beliefert.

Um die Lager der Großhändler aufzufüllen, erfolgten durch das Landesernährungsamt sofort Lebensmittelzufuhren. Das Landeswirtschaftsamt wies erhebliche Mengen von Rauchwaren und Trinkbranntwein zu. Nach dem Großangriff fanden sich zwei Hilfszüge ein. Ein Hilfszug für Ernährung, der zwar eine Kücheneinrichtung mitgebracht hatte, aber keinerlei Lebensmittel und erst mit Arbeitskräften und Lebensmitteln durch das Städt. Ernährungsamt ausgestattet werden musste. Er wurde in der Dreschhalle in Dietlingen stationiert zur Verpflegung der dortigen Pforzheimer Evakuierten.

 

Bedarfsgüter

Der zweite war ein Hilfszug für Bekleidung und Haushaltgeräte, der in Eutingen abgestellt worden war. Eine weitere Ausgabestelle wurde im Freibad Dillweißenstein eingerichtet.

 

Geldverkehr

Die Stadtkasse war praktisch noch die einzige Geldstelle für die Bevölkerung. Über verschiedene schnell eingerichtete Zahlstellen wurden jedem Ausgebombten als erste Entschädigung 100 RM ausgezahlt. Die hierzu von der Stadtkasse benötigten Gelder — sie erreichten schließlich die Höhe von 15 Mill. RM — wurden durch die Reichsbankstelle beigebracht.

 

Leichenbergung

Zu den Aufgaben, die nach dem Angriff der Stadtverwaltung oblagen, gehörte die Leichenbergung und -bestattung im großen. Neben Arbeiterkolonnen unter Zuziehung von Fremdarbeitern wurden hierfür vor allem das hiesige Landesschützenbataillon und ein vom Generalkommando entsandter Pioniertrupp eingesetzt. Auf Handkarren, Viehwagen oder den wenigen greifbaren Lastkraftwagen wurden die Toten zum Friedhof auf der Schanz gefahren. Dort hob ein von Heilbronn beigezogener Bagger Massengräber aus, in die Tausende in Reihen übereinander hineingelegt wurden. Bestattungen in schon früher erworbenen Familiengräbern waren erlaubt, doch mussten die Angehörigen diese Gräber meist selbst ausheben; oft brauchten aber auch nur noch in einem armseligen Pappkarton ein paar zusammengescharrte Knochenreste beigesetzt zu werden. Von den beiden großen Religionsgemeinschaften waren ständig Geistliche zugegen, um die laufend angefahrenen Leichen einzusegnen. Wochenlang gingen diese traurigen und, um auch die Gefahr von Seuchen und Krankheiten zu bannen, doch so notwendigen Arbeiten. Bis der Bagger eingesetzt werden konnte und das erste Massengrab ausgehoben war, vergingen noch Tage. Solange lagen die inzwischen angefahrenen Leichen im Wirtschaftshof des Friedhofes. Sie wurden, soweit möglich, identifiziert, außerdem wurde die Todesursache festgestellt. Die im einzelnen registrierten, den Toten abgenommenen und durch die Bergungskommandos in den Luftschutzräumen vorgefundenen Papiere und Wertsachen wurden zum Zwecke ihrer späteren Aushändigung an die Hinterbliebenen in drei Leichenzellen sichergestellt.

 

Verlust an Menschen

Im Kaffee Epple legte die Kriminalpolizei eine Vermisstenkartei an. Das Standesamt stellte im Oktober 1945 fest, dass bis dahin 7200 Fliegeropfer bestattet worden waren, wovon 2432 Personen namentlich nicht festgestellt werden konnten. Eine zuverlässige Schätzung der noch unter den Trümmern liegenden Toten wurde als unmöglich bezeichnet. Die Mehrzahl der Todesfälle vom Großangriff war z.Zt. standesamtlich noch nicht beurkundet. Eine im Jahre 1948 vom Statistischen Amt vorgenommene sorgfältige Schätzung der durch Fliegerangriffe verursachten Verluste an Menschen kommt auf die Zahl 17 600, worin die im Verhältnis zum 23. Februar geringen Verluste der übrigen Angriffe enthalten sind.

Bei der noch Jahre währenden Trümmerbeseitigung werden immer wieder Leichenfunde gemeldet. Die genaue Zahl der Toten vom Großangriff wird sich nie ermitteln lassen. Überall in der zerstörten Innenstadt wurden auf den Häusertrümmern im Gedenken an die darunter liegenden Erschlagenen und Verbrannten Holzkreuze errichtet, die an besonderen Festtagen liebevoll mit Blumen und Tannenzweigen geschmückt werden. Ihre Zahl wird aber zusehends kleiner, da durch die fortschreitende Enttrümmerung die Bergung und Bestattung der Leichenreste ermöglicht wird.

 

Ursachen der hohen Verluste

Die Zahl der Toten in Beziehung gebracht zur Einwohnerzahl bei Kriegsbeginn (ca. 80 000) ergibt einen Verlust von 22 v. H. Diese Verhältniszahl muss als außerordentlich hoch bezeichnet werden und dürfte wohl kaum von einer anderen deutschen Stadt als Folge des Luftkrieges erreicht worden sein. Es ist insbesondere bemerkenswert, dass sie praktisch das Ergebnis eines einzigen Fliegerangriffs darstellt.

Es war naheliegend, dass nach der Katastrophe den für den Luftschutz der Zivilbevölkerung verantwortlichen Stellen Vorwürfe wegen vermeintlicher Unterlassungen gemacht wurden. Wie lagen nun aber die Dinge in Wirklichkeit?

Die für den Luftschutz der Zivilbevölkerung erforderlichen Maßnahmen fanden vor Kriegsbeginn und auch in den ersten Kriegsjahren zunächst wenig Interesse. Die Stadt Pforzheim war nach allgemeiner Ansicht offenbar weniger kriegswichtig und damit auch weniger gefährdet. Die Bevölkerung hat sich mit dem Gedanken, aus der Luft angegriffen zu werden, nur sehr wenig und widerwillig befasst. Dennoch wurden schon frühzeitig durch den Reichsluftschutzbund mit seinen ehrenamtlichen Kräften Abwehrmaßnahmen, insbesondere gegen Brandgefahr, vorbereitet. Dazu gehörten die Bereitstellung von Löschmitteln (Sand und Wasser) auf den Dachböden und deren Entrümpelung. Später kam der Ausbau von Luftschutzräumen mit Notausstiegen in den Wohnhäusern hinzu. Das Gleiche wurde sinngemäß in den Betrieben des „Erweiterten Selbstschutzes" angestrebt, während die Großbetriebe — in Pforzheim etwa 50 — zum sogenannten Werkluftschutz zählten.

Für den Luftschutz der Zivilbevölkerung hatte entscheidende Bedeutung die Tatsache, dass die Stadt Pforzheim Luftschutzort II. Ordnung war.

Während in Luftschutzorten I. Ordnung —; das waren die großen und wehrwichtigen Orte wie beispielsweise Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim — mit Geldern und Baustoffkontingenten des Reichsluftfahrtministeriums Wesentliches für den Schutz der Bevölkerung getan werden konnte, sollten die Luftschutzorte II. Ordnung, wozu Pforzheim zählte, mit überwiegend eigenen Mitteln dieselben Sicherungsmaßnahmen anstreben.

Im Verlauf des Krieges kam den baulichen Maßnahmen eine immer größere Bedeutung zu. Da schon vor und erst recht mit Kriegsbeginn Baufachkräfte und ganze Baufirmen für Wehrzwecke dienstverpflichtet und die wichtigsten Baustoffe, insbesondere Eisen und Zement, streng kontingentiert und daher im Handel nicht mehr frei zu erhalten waren, musste der Mangel an Arbeitskräften und Materialien den örtlichen Bemühungen engste Grenzen setzen.

Schon in den Jahren 1940/41 hatte die Stadtverwaltung Pläne über Stollenbauten bei der Schwarzwaldschule und beim Turnplatz und Bahnhof ausgearbeitet und diese zusammen mit den Angeboten der Baufirmen den zuständigen Stellen zur Genehmigung vorgelegt. Die Genehmigung wurde aber versagt, weil die Bauvorhaben angeblich zu teuer waren und außerdem der Stadt Pforzheim als Luftschutzort II. Ordnung weder Geldmittel noch Baumaterialien, Transportmittel und Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt werden könnten.

Durch die fortgesetzten, an das zuständige Luftgaukommando VII in München gerichteten Dringlichkeitsersuchen der örtlichen Stellen auf Intensivierung der Luft-Schutzmaßnahmen konnten in größeren Anwesen wenigstens weitere öffentliche Luftschutzräume mit Reichsgeldern ausgebaut werden.

In den höher gelegenen Stadtteilen wurden 16 Löschteiche mit einem Gesamtfassungsraum von ca. 8000 cbm angelegt.

Erst gegen Ende des Krieges, als die Gefahr immer besser erkannt worden war und Pforzheim schon die ersten Angriffe erlebt hatte, förderte das Luftgaukommando auch den Ausbau von Stollen.

Den unablässigen Bemühungen von Stadtverwaltung und Polizeidirektion als örtlicher Luftschutzleitung bei den maßgebenden Stellen, insbesondere beim Luftgaukommando und beim Baubevollmächtigten in Straßburg wegen Freigabe von Baustoffkontingenten war es zu danken, dass trotz aller Schwierigkeiten im letzten Kriegsjahr in Pforzheim 64 öffentliche Luftschutzräume vorhanden waren mit einem Gesamtfassungsvermögen von rund 6600 Personen und im Einzelfall mit einem solchen von 40 bis zu 250 Personen. Luftschutzstollen waren es 20, an denen zum Teil allerdings noch gebaut wurde. Davon waren vier aus Reichsmitteln erstellt worden (Gustav-Rau-Stollen, Calwer Straße beim Kupferhammer, Kling - St. - Georgen-Straße und am Davosweg zwischen Kallhardtbrücke und Kallhardtsteg, während 16 Stollen im Privatbesitz waren, davon als größere in der Östl. Karl-Friedrich-Straße gegenüber der Fa. Schaub G.m.b.H., an der Bleich- und Lisainestraße und bei der Papierfabrik in Dillweißenstein. Aus benachbarten Standorten waren tageweise Pioniere mit ihren Geräten beim Stollenbau eingesetzt worden. Für die in zivilen Arbeitsgemeinschaften erbauten kleineren Stollen hatte die Stadtverwaltung Holz — von städtischem Personal geschlagen, ohne dass hierzu die Einwilligung der Forstbehörden vorlag — und Arbeitsgeräte gestellt. Weiterhin wurden Deckungsgräben, die Splitterschutz bieten sollten, ausgehoben. Für durchgreifende Verbesserungen in den Wohnhäusern fehlte neben Baumaterialien und Fachkräften nun vor allem aber auch die Zeit. Der Angriff vom 23. Februar erfolgte unter Bedingungen, die für die Alliierten sehr günstig waren. Kein Flakgeschütz, keine wirksame Abwehr durch Nachtjäger, nahezu zeitliches Zusammenfallen von Alarm und Beginn des Angriffs wegen der nahe an Pforzheim herangerückten Front, ausgezeichnete Bestimmung des Abwurfraumes durch Leuchtzeichen, geringe Flughöhe der Bombenträger wegen Fehlens von Abwehr, zweckentsprechende Reihenfolge und Mischung der Bombenarten, beginnend mit Zugluft schaffenden Sprengbomben, das waren die wesentlichen Merkmale jenes Angriffs von rund 20 Minuten, die in Verbindung mit der Bauweise in der Innenstadt und dem verspäteten Verlassen der Luftschutzräume die vernichtende Wirkung zur Folge hatten.

 

Stromversorgung

Durch den Angriff vom 23. Februar waren zerstört worden das Hauptverwaltungsgebäude des Städt. Elektrizitätswerks an der Enzstraße, die Wasserkraftanlage Rennfeld, die Elektroschau und die im zerstörten Stadtkern gelegenen Verteilungsanlagen, insbesondere die des sogenannten Gleichstromgebiets in der Stadtmitte. Dadurch wurde die Stromversorgung der Innenstadt und zunächst auch der Nordstadt restlos lahmgelegt. Die schadhaften Teile wurden abgetrennt und es wurde begonnen, die Hochspannungsleitungen instandzusetzen, um die Nordstadt wieder beliefern und insbesondere aber auch die verschiedenen Nebenpumpwerke für die Wasserversorgung wieder in Betrieb nehmen zu können. Da für das Rodgebiet mit äußerer Bleich- und Calwer Straße aus anderweitig ausgebauten Teilen zunächst eine behelfsmäßige Umformer- und Gleichrichteranlage erstellt werden musste, konnte dieser Stadtteil erst als letzter angeschlossen werden.

Die Stromversorgung der Stadtteile Brötzingen und Dillweißenstein war nicht unterbrochen worden.

 

Gasversorgung

Beim Stadt. Gaswerk wurden durch Brandbomben die Dächer des Verwaltungsgebäudes und verschiedener Betriebsgebäude wie Apparatehaus, Reinigeranlage, Uhrenhaus, Bad und Kantine zerstört. Teilweise wurden auch die darin befindlichen Apparate und Leitungen beschädigt. Während Gaserzeugungsanlagen (Vertikalkammer- und Schrägretortenöfen), Koksaufbereitungsanlagen, Werkstätten, Kessel und Maschinenhaus keine Schäden aufwiesen, hatten die drei Gasbehälter mit 40000, 10000 und 4400 cbm Inhalt schwer gelitten. Außerdem war der Gasausgleichsbehälter mit Regleranlage an der Kaiser-Friedrich-Straße vollständig zerstört worden.

Die Fortleitungsanlagen für die im Westen der Stadt gelegenen unversehrten Stadtteile sind durch die Vernichtung der Stadtmitte mitzerstört worden.

Durch diese und durch die als Folge der Brückensprengungen später noch hinzutretenden Schäden konnte die Gasversorgung erst Mitte April des folgenden Jahres in beschränktem Umfange wieder aufgenommen werden.

 

Wasserversorgung

Die Betriebsanlagen des Stadt. Wasserwerks wiesen keine nennenswerten Schäden auf.

Die Wasserversorgung konnte nach Abschieberung der Leitungen in den zerstörten Stadtteilen schon am folgenden Tage, den 24. Februar, wieder aufgenommen werden. Durch die vernichtete Innenstadt wurde das Versorgungsgebiet in einen westlichen und in einen östlichen Abschnitt zerlegt, die getrennt versorgt werden mussten.

Brötzingen und Dillweißenstein erhielten Trinkwasser aus den Grösseltalquellen, der Oststadtteil und die Hochzonengebiete aus dem Pumpwerk Friedrichsberg. In der nur sporadisch zerstörten Nordstadt wurde durch Abschieberung der Leitungen für einige Zeit zusätzlich der Einsatz von Wasserwagen notwendig.

 

Straßenbahn

Die Straßenbahn der Stadt Pforzheim wurde besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Oberleitungen, die durch den Angriff selbst starke Zerstörungen aufwiesen, haben dadurch noch besonders gelitten, dass erhalten gebliebene Leitungen durch nachfolgende Einstürze und Sprengungen herabgerissen wurden.

Von den vor dem Angriff befahrenen drei Linien mit zusammen 12,8 km Fahrstrecke wurden 10,2 km Oberleitungslänge und ein großer Teil der Gleisanlagen zerstört. Lediglich die Waldstrecke vom Kupferhammer bis Dillweißenstein war leicht beschädigt.

Wenn auch die Wagenhalle erhalten blieb, so hatten doch vom Wagenpark der Straßenbahn 54 Motor- und Anhängewagen mehr oder weniger stark gelitten.

 

Kleinbahn

Die ebenfalls von der Stadt Pforzheim betriebene Kleinbahn Pforzheim—Ittersbach wies keine besonderen Schäden auf.

 

Öffentliche Gebäude

Sämtliche in der Innenstadt gelegenen öffentlichen Gebäude — was für die meisten zutraf — waren vernichtet, so der Bahnhof, das Hauptpostamt und von den staatseigenen Gebäuden Gesundheitsamt, Polizeidirektion, Landratsamt, Zollamt, Forstamt, Arbeitsamt (überwiegend), Bad. Vermessungsamt, Amtsgericht, Gerichtsvollzieherei, Reichsbankstelle, Finanzamt (überwiegend), Staatsanwaltschaft, Notariate, Bad. Straßenbauamt u. a. m. Im Stadtzentrum blieben nur erhalten das Gerichtsgefängnis und der Milchhof.

Unter dem zerstörten stadteigenen bebauten Grundbesitz befand sich auch das neuzeitlich eingerichtete Rathaus am Marktplatz, das in den Jahren 1893—95 erbaut und von 1910—11 erweitert worden war.

Von den Schulen waren ganz vernichtet: Schwarzwaldschule, Calwerschule, Goldschmiedeschule und die beiden Gewerbeschulen. Sehr beschädigt und fast völlig ausgebrannt waren: Nordstadtschule, Brötzingerschule, Osterfeldschule, Klingschule, Holzgartenschule, Oberrealschule, Hildaschule, Handelsschule und Gymnasium. Die Schule in Dillweißenstein, das einzige völlig erhalten gebliebene Schulgebäude, wurde nach der Besetzung von der Militärregierung beschlagnahmt.

Von den drei hier vorhandenen Krankenhäusern war nur das Krankenhaus St. Trudpert unversehrt geblieben.

Das Städt. Krankenhaus wies sehr schwere Schäden auf, die teilweise allerdings schon durch den Fliegerangriff vom 21. Januar 1945 entstanden waren. Von 24 Gebäuden waren nunmehr 17 vollständig zerstört, die übrigen mehr oder weniger stark beschädigt.

Auch das Krankenhaus Siloah war größtenteils vernichtet worden. Die Insassen des Altersheims mussten nach Monbach verlegt werden, da das Gebäude für die Innere Abteilung des Stadt. Krankenhauses benötigt wurde.

Vor dem 23. Februar 1945 bestand die Evang. Gesamtkirchengemeinde Pforzheim (damals noch Evang. Kirchengemeinde Pforzheim, Evang. Kirchengemeinde Pforzheim-Brötzingen und Evang. Kirchengemeinde Dillweißenstein) aus 14 Pfarreien. Durch den Großangriff waren im Zentrum der Stadt zunächst 5 Pfarreien vollkommen erloschen. Es waren dies die Altstadtpfarrei, Mittelpfarrei, Sedanpfarrei, Westpfarrei und Südpfarrei. Zerstört wurden Stadtkirche, Schloßkirche und Altstadtkirche sowie nahezu alle Gemeindehäuser, Gemeindesäle und Pfarrhäuser.

Die Dillweißensteiner Kirche war zuvor schon am 25. Dezember 1944 bei einem Jagdbomberangriff getroffen worden.

Die Christuskirche in Brötzingen war abgedeckt. Die Gottesdienste mussten in Kinderschulen, Konfirmandensaal, Pfarrhäusern usw. abgehalten werden. Auch fanden Gottesdienste in der Hauskapelle des Krankenhauses St. Trudpert sowie einige Sondergottesdienste und die Konfirmationen in der St. Antoniuskirche statt. Von den Kirchen der Kath. Gesamtkirchengememde Pforzheim waren die Barfüßerkirche völlig, die St. Franziskuskirche und die Herz-Jesu-Kirche teilweise zerstört worden.

Erhalten blieben die St. Antoniuskirche im Stadtteil Brötzingen und die Liebfrauenkirche im Stadtteil Dill-Weißenstein.

Vernichtet wurden die Pfarrhäuser der Pfarreien St. Franziskus und Herz-Jesu.

Die betroffenen Pfarreien hielten ihre Gottesdienste in der Hauskapelle des Krankenhauses St. Trudpert und in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche ab.

Ferner wurden zerstört die alt-katholische Kirche am Waisenhausplatz und — soweit im Stadtzentrum gelegen — die Kapellen und die Säle der übrigen Religionsgemeinschaften. Die Gottesdienste mussten meist in Wohnungen abgehalten werden.

 

Brücken

Die Goethebrücke wurde getroffen und stürzte ein. Von den über den Metzelgraben führenden Kanalbrücken wurden die Jahnstraßenbrücke zerstört und die Wörth- und Enzstraßenbrücke beschädigt.

 

Bahnüber- und -Unterführungen

Weiterhin zerstört wurde die zuvor schon mehrmals getroffene Nordstadtüberführung, während die Bahnunterführung Ispringer Straße beschädigt wurde.

 

Wasserbau, Kanalnetz

Der Mühlkanal und insbesondere der Metzelgraben wiesen ebenfalls schwere Beschädigungen auf. Auch das Nonnenmühlwehr hatte Schaden genommen. Zahlreiche Bombendurchschläge hatten das unterirdisch verlaufende Abwasserkanalnetz stark in Mitleidenschaft gezogen.

 

Gebäudeschäden

Über die Gebäudeschäden liegt vom Statistischen Amt einiges Zahlenmaterial vor, das allerdings wiederum sämtliche auf die Stadt Pforzheim erfolgten Fliegerangriffe berücksichtigt. Inwieweit solche Zahlen für den Groß angriff vom 23. Februar allein von Bedeutung sind, wurde schon an früherer Stelle erwähnt.

Zahl der Wohnungen vor Zerstörung

24175

 

Zahl der zerstörten Wohnungen am 8. 5.1945

16058

66,4v.H.

Zahl der Wohnräume einschl. Küchen vor Zerstörung

104400

 

Zahl der zerstörten Wohnräume einschl. Küchen am8. 5. 1945

71589

68,6v.H.

Trümmermasse

2300000cbm

 

Kopfquote an Trümmermasse nach der Bevölkerung bei Kriegsbeginn

28,75cbm

 

Kopfquote an Trümmermasse nach der Bevölkerung vom 31. 12. 1945

54,5cbm

 

Stadtverwaltung

Der Großangriff vom 23. Februar hatte in den Personalkörper der Stadtverwaltung gleichfalls schwere Lücken gerissen. Außerdem wurde am 4. März Bürgermeister Karl Mohrenstein während eines Wehrmachtsurlaubs hier das Opfer eines weiteren Fliegerangriffs. Hinzu kam am 12. März der Tod des Stadtbaudirektors Ludwig Seibel, der als zweiter hauptamtlicher Beigeordneter die längste Zeit des Krieges über die Geschäfte des Oberbürgermeisters geführt hatte.

Im Rathaus wurde die gesamte Verwaltungseinrichtung durch Flammen zerstört. Wie durch ein Wunder konntem wenigstens die im unteren Tresorraum und in den Kellern des Rathausneubauteils untergebrachten Materialien der Stadtkasse und. Stadtkämmerei gerettet werden, wodurch der Grundstock zum Wiederaufbau der zerschlagenen Gesamtverwaltung vorhanden war. Auch die vorsorglich nach den Rathäusern Brötzingen und Dillweißenstein verbrachten beiden Buchungsmaschinen der Stadtkasse standen noch zur Verfügung.

Die einzelnen Teile der Verwaltung mussten gezwungenermaßen in den Vororten Brötzingen und Dillweißenstein an verschiedenen Stellen untergebracht werden. So befanden sich:

Hauptverwaltung und Personalabteilung: im Rathaus Brötzingen
Ernährungs- und Wirtschaftsamt: im Schulhaus Dillweißenstein mit Nebenstelle im Lindensaal Brötzingen
Fahrbereitschaftsleiter: Karolingerstraße 30
Familienunterhalt: Westl. Karl-Friedrich-Str. 215 (Wagenhalle)
Feststellungsbehörde: Dillweißenstein, Rabeneck
Feuerwehr: Grashoffallee 7
Friedhof Verwaltung: Friedhof Schanz
Gemeindegericht: Frankstraße 79
Invaliden- und Angestelltenversicherung: Blauenstraße 2
Jugendamt: Frankstraße 79
Krankenhaus: Altersheim
Ortsgericht: Rathaus Brötzingen
Stadtbauamt: Fuhrpark (Hohwiesenweg)
Stadtkämmerei: Rathaus Brötzingen (Hinterhaus)
Stadtkasse: Rathaus Dillweißenstein
Standesamt: Rathaus Brötzingen
Statistische Abteilung: Rathaus Brötzingen
Üntersuchungsamt: Westl. Karl-Friedrich-Str. 257 (Gasthaus z. Linde)
Vermessungsamt :Lameystraße 76
Waldmeisterbüro: Bunsenstraße 16
Wohlfahrtsamt: Frankstraße 79
Wohnungsstelle: Westl. Karl-Friedrich-Str. 293 (Wirtschaft z. Kranz)

Nach. dem am Ostermontag, den 2. April, auf den Stadtteil Brötzingen erfolgten Fliegerangriff bezog die Hauptverwaltung vorübergehend das Anwesen Friedenstraße 102 und dann; auf Verlangen des Kreisleiters, der sich in dem bei der Papierfabrik ausgebauten Luftschutzkellers tollen einquartiert hatte, das Rathaus in Dillweißenstein. Wegen dauernder Fliegergefahr hielt man sich aber meist im gegenüber liegenden Luftschutzstollen oder in den Räumlichkeiten des Warmbades auf.

Wie war es nun den Standesbüchern ergangen? Ursprünglich befand sich das Standesamt im 3. Stockwerk des Rathauses, wurde aber dann im Hinblick auf die zunehmende Fliegergefahr im Jahre 1944 im l. Stockwerk untergebracht.

Während die Erstschriften der doppelt geführten Standesbücher beim Standesamt verblieben und dort verbrannten^. lagen die Zweitschriften der Jahre 1938 (l. Halbjahr) und älter beim hiesigen Amtsgericht, das sie für die Dauer des. Krieges nach Eppingen verlagert hatte. Die mit dem l. Juli 1938 beginnenden Zweitschriften jüngeren Datums waren bis auf die nahezu fertigen Einträge des 23. Februar 1945 beim Großangriff im Keller des Bohnenberger Schlößchens untergebracht und konnten gerettet werden.

Die Standesbücher blieben somit bis auf die wenigen Einträge, die am 23. Februar in Bearbeitung waren, später aber nachgeholt wurden, in Form der Zweitschriften erhalten. Dagegen wurden außer den Erstschriften die im Erdgeschoß des Rathauses untergebrachten Beilagen ebenfalls restlos vernichtet.

Am 26. Februar wurde das Standesamt im Rathaus Brötzingen eingerichtet. Die verlagerten Vordrucke wurden sofort zurückgeholt und als erstes die Sterberegistereinträge gefertigt und - soweit gefordert - Sterbeurkunden ausgegeben. Die Standesämter Pforzheim und Brötzingen waren nun zwar beide im Rathaus Brötzingen untergebracht, blieben aber vorerst noch getrennt geführt. Nach dem am 2. April erfolgten Fliegerangriff auf den Stadtteil Brötzingen zog das Standesamt um in die Nordstadt, Hohenzollernstraße 69; gleichzeitig wurde nunmehr das Standesamt Brötzingen mit dem Standesamt Pforzheim vereinigt. Weit schlimmer w^rde das städt. Archiv betroffen. Alle in der Hilda-Schule nach Ansicht der maßgebenden Fachleute genügend sicher untergebrachten Werte verbrannten. Dies waren neben den wichtigsten Archivalien mit Reuchlinbibliothek, der größte Teil der Registratur, die Schätze des Reuchlinmuseums und die Bilder der Gemäldesammlung.

Neben einigen Dutzend Zeitungsbänden neueren Datums und Büchern, die im Kellerraum des Vorderbaues vom Bohnenberger Anwesen zusammen mit in Kisten verpackten Büchern der Stadtbücherei verwahrt waren, blieben die im Enzkraftwerk untergebrachten ungefähr 8000 Bände der Archivbibliothek erhalten. Für die heimatkundliche Arbeit unersetzliche Werte waren. damit bei der Vernichtung der Stadt verlorengegangen.

 

Wirtschaft

Den vielen Ausgebombten, die versuchten, aus den Trümmern ihrer Häuser noch etwas Hausrat zu bergen, tat es auch die Industrie gleich. Mit den sich einfindenden Arbeitskräften wurde mit dem Aufräumen der Fabriken begonnen. Die in den Randgebieten gelegenen und dadurch verschonten Unternehmen nahmen ihre Produktion im Rahmen des Möglichen wieder auf. „Zur Behebung des Wirtschaftsnotstandes im Bezirk Pforzheim" bestellte der Badische Finanz- und Wirtschafts-minister einen Sonderbeauftragten, dem die verantwortliche Leitung für die Wiederingangsetzung des Wirtschaftslebens oblag. Diesem wurden alle Dienststellen der Wirtschaftsorganisation in Pforzheim unterstellt. Die Banken eröffneten Zahlstellen in den erhaltenen Stadtteilen, sodie Reichsbank in der Ersinger Straße 7,

die Deutsche Bank in der Kelterstraße 62 (Wirtschaft z. Maihäldenhof),
die Volksbank in der Westl. Karl-Friedrich-Straße 273,
die Stadt. Sparkasse außer ihren bisherigen Zweigstellen Niefern und Arlinger 
Behelfszahlstellen in der Wirtschaft z. Hoheneck und im Kaffee Davos
17
staatliche Behörden
die Diensträume der Polizeidirektion befanden sich in der Frankstraße 79
Amtsgericht und Staatsanwaltschaft nahmen einen behelfsmäßigen Dienstbetrieb im Gerichtsgefängnis auf. 
Notariat und Nachlassgericht richteten sich in der Nebeniusstraße 1 ein

 

Bahn

Der erste Personenzug nach der Zerstörung der Stadt konnte nur bis an die Pforzheimer Güterhallen fahren.

 

Post

Die Diensträume des Postamts befanden sich im Kraftwagenhof, Zeppelinstraße 16. Während das Zweigpostamt Brötzingen seinen Betrieb in benachbarten Räumen wieder aufnahm, waren beim Zweigpostamt Dillweißenstein und den Poststellen Buckenberg, Ispringer Pfad und Hagenschieß keine Änderungen notwendig geworden. Außerdem befanden sich fahrbare Postämter auf dem Meßplatz (Oststadt), bei der Wirtschaft z. Zähringer Löwen (Nordstadt) und beim Kupferhammer (Südstadt). Da eine Briefzustellung in der Innen- und Südstadt zunächst nicht durchführbar war, mußten die ankommenden Postsendungen bei den fahrbaren Postämtern abgeholt werden. Ort und Zeit wurden durch Lautsprecher bekanntgegeben.

 

Allgemeine Ereignisse

Die Freilegung unpassierbar gewordener Straßen und die Beseitigung der zahlreichen Blindgänger machten noch wochenlang den Einsatz auswärtiger Hilfskräfte, insbesondere der Wehrmacht, erforderlich. Fast täglich erfolgten nun Angriffe von Jagdbombern. So warfen am Vormittag des 4. März Jagdbomber auf Menschenansammlungen beim Kupferhammer und auf der äußeren Bleichstraße Bomben. Während beim Kupferhammer Milch- und Essenausgabe der Dillweißensteiner Kochstelle war, wurde diesseits der Kallhardtbrücke erstmals seit dem 23. Februar wieder Post verteilt. Mehr als 100 Tote waren zu beklagen. Außer Gebäuden wurde noch der Kallhardtsteg zerstört.

Die Bahnanlagen waren am 14. März erneut Ziel eines Fliegerangriffs mit Bomben und Bordwaffen. Im inzwischen wieder erscheinenden, in Neuenbürg gedruckten „Pforzheimer Anzeiger" wurde die Bevölkerung zum Arbeitseinsatz aufgerufen. Weitere Jagdbomberangriffe richteten sich am 16. März gegen die Bahnlinie nach Karlsruhe, am 17. März gegen die Autobahn, am 18. März gegen die Bahnlinie Brötzingen—Birkenfeld, am 19. März u. a. gegen den Güterbahnhof und am 20. März gegen die Bahnlinie Mühlacker— Karlsruhe. Am 23. März fielen Bomben im Eutinger Tal. Bis spätestens 20. März hatten sich die männlichen Dienstpflichtigen des Geburtsjahrganges 1929 bei der Polizeidirektion zur Erfassung zu melden.

Durch die am 24. März erfolgten, von den Mittagstunden bis gegen Abend währenden laufenden Angriffe von Jagdbombern auf das Bahnviadukt im Enztal erlitt das Enzkraftwerk erhebliche Schäden. Zerstört wurden außer dem Kranhaus und dem Kommandoraum insbesondere die 20/5 kV Schaltanlage, die dazu diente, den vom Baden-Werk zugeführten hochgespannten Drehstrom mit 100 und 20kV auf die Hochspannung von 5 kV herunter zu transformieren, um die Spannung im Verteilergebiet dann weiter auf die Gebrauchsspannung von 380/220 Volt herabzumindern. Die Stromversorgung der ganzen Stadt wurde dadurch lahmgelegt.

Glücklicherweise blieben die Dampfturbinenanlagen und das 100 kV Schalthaus mit seinen sämtlichen Einrichtungen erhalten.

Infolge Ausfallens der 20/5 kV Schaltanlage war eine Fortleitung der in der eigenen Dampfkraftanlage erzeugten Energie aber auch nicht mehr möglich. In dreischichtiger 14tägiger Tages- und Nachtarbeit wurde aus den erhalten geblichenen Teilen der 20/5 kV Schaltanlage im Kellergeschoss eine behelfsmäßige Schaltanlage errichtet. Dies besagt, dass Pforzheim vor der Besetzung nicht mehr mit Strom versorgt werden konnte.

Am Ostermontag, den 2. April, nur noch wenige Tage vor der Besetzung, erfolgten vom Vormittag an Jagdbomberangriffe auf den Stadtteil Brötzingen. Einschlagstellen waren u. a. in der Westl. Karl-Friedrich-Straße, Brunnenstraße, beim Marktplatz, in der Büchenbronner Straße, am Wallberg und im Bahnhofgelände. Es gab mehrere Tote. Zerstört wurden außer Wohngebäuden der Bahnhof und der Feldstraßensteg.

 

Quelle: Stadtverwaltung Pforzheim 
Hrsg.: Verwaltungsbericht und Statistik der Stadt Pforzheim 1945 – 1952, S. 34 - 39

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