Der Luftangriff auf Pforzheim am 23. Februar
1945 – Ursachen und Folgen
Dr. Christian Groh, Stadtarchiv PforzheimAm 22. Juni 1916 notierte der Heidelberger Historiker Karl Hampe in
sein Tagebuch: „Wir hörten von dem furchtbaren Fliegerangriff auf
Karlsruhe, das wirklich sehr leiden muss.“[1] Die Tagespresse berichtete
seinerzeit von 250 Toten. Fast genau dreißig Jahre später, am 14. Juni
des Jahres 1946, schilderte der Schriftsteller Alfred Döblin in einem
Brief die Auswirkungen des Bombenkrieges: „Der Zustand der Leute hier
ist schwer zu beschreiben, leichter das Aussehen der Städte. Ich habe
jetzt mehrere Fahrten, auch ins amerikanische Gebiet gemacht, und ich
versichere Dich! Es ist unvorstellbar; zum Grauen. Das Tollste ist
Pforzheim; vom Erdboden verschwunden, rasiert komplett kurz und klein
geschlagen. Keine Menschenseele mehr vorhanden. Pforzheim kannst Du vom
Atlas streichen.“[2]
Die beiden Zitate, die die Erfahrung von einem der ersten und vom
letzten Luftangriff auf Städte der Region wiedergeben, verdeutlichen den
„Fortschritt“, den die im Ersten Weltkrieg noch junge Waffengattung
der Luftwaffe innerhalb von drei Jahrzehnten gemacht hatte. Sie zeigen aber
vor allem, dass die Bombardierung von Städten keine Erfindung des Zweiten
Weltkriegs war. Vielmehr wurde nach frühen Erfahrungen während des
Ersten Weltkriegs bereits in der Zwischenkriegszeit am Konzept des
Strategischen Bombenkriegs gearbeitet. Der Luftkrieg ist gewissermaßen
eine Folge der Totalisierung des Krieges im 20. Jahrhundert. Kriege wurden
nicht mehr „auf dem Felde“ gewonnen oder verloren. Die moderne
Industriegesellschaft, die die Voraussetzung für eine mechanisierte
Kriegführung geschaffen hatte, machte eben dadurch die Industrie und
mithin deren Grundlagen wie Fabriken, Städte, Verkehrsinfrastruktur und
Arbeiterschaft zum Kriegsteilnehmer und somit auch zum anvisierten Opfer.
Die Luftwaffe wurde im Strategischen Bombenkrieg nicht mehr nur als eine
die Bodenkräfte unterstützende Waffengattung eingesetzt, sondern zielte
direkt auf die industriellen und auch gesellschaftlichen Grundlagen der
Krieg führenden Parteien. Durch die Vernichtung der Grundlagen für die
Kriegführung und die Demoralisierung der Bevölkerung sollten Kriege
abgekürzt und somit die Zahl der Kriegsopfer verringert werden. Stationen
des Luftkrieges sind die spanische Kleinstadt Guernica, im Spanischen Bürgerkrieg
durch die deutsche „Legion Condor“ 1937 weitgehend vernichtet,
Warschau, dessen Bombardierung durch 1200 Maschinen der deutschen
Luftwaffe im September 1939 die Kapitulation der polnischen Verteidiger
herbeiführte, Rotterdam im Mai 1940, und schließlich ab Juli 1940
britische Städte, von denen Coventry und London besonders schwer
getroffen wurden.
Das britische Bomber Command eröffnete den Strategischen Luftkrieg
gegen deutsche Industriestädte im Mai 1940. Zunächst richteten sich die
Angriffe gegen Industrieanlagen im Ruhrgebiet, vereinzelt wurden auch
Ziele in den Großstädten Berlin, Hamburg und Bremen ins Visier genommen.
Als Vergeltungsschlag für die Angriffe deutscher Verbände gegen Coventry
und Southampton folgte am 16. Dezember 1940 der erste britische Flächenangriff
auf eine deutsche Stadt. Bei einer dreitägigen Serie von Angriffen wurden
Ziele der Mannheimer Innenstadt getroffen, 34 Menschen starben.
Fortan waren die deutschen Städte Angriffsziele. Durch die
Luftangriffe sollten der deutschen Kriegsindustrie die Grundlagen entzogen
werden, doch galt gleichzeitig die Unterminierung der Kriegsmoral als
Motiv des Bombenkriegs, so dass auch Zerstörungen in Wohngebieten und
zivile Opfer bewusst in Kauf genommen wurden. Moralische Bedenken, die in
der britischen Öffentlichkeit und den Militärstäben diskutiert wurden,
verloren an Gewicht, je mehr über die Kriegführung des
nationalsozialistischen Deutschland und über die Verfolgung der europäischen
Juden ans Tageslicht kam.
Ab Februar 1942 war es Teil der britischen Kriegsstrategie, durch
vernichtende Angriffe auf Städte die Moral der Bevölkerung zu erschüttern,
während nach wie vor gleichzeitig Spezialindustrien durch Luftangriffe
beeinträchtigt werden sollten. Nachdem Hitler-Deutschland den Vereinigten
Staaten von Amerika am 11. Dezember 1941 den Krieg erklärt hatte, teilten
sich die Royal Air Force (RAF) und die US Army Air Force (USAAF) in einer
vereinigten Bomberoffensive ab August 1942 die Aufgabe.
Relativ spät gerieten auch Mittelstädte auf die Zielliste. Am 1.
April 1944 wurde Pforzheim erstmals von US-amerikanischen Bombern
angegriffen. Dem Angriff mit vergleichsweise geringen Schäden und 95
Opfern folgten weitere, am folgenreichsten diejenigen am Heiligen Abend
des Jahres 1944 und am 21. Januar 1945.
Am 23. Februar 1945 folgte der letzte und verhängnisvolle Angriff
durch die Royal Air Force. Wenngleich den Alliierten bekannt war, dass von
Pforzheims feinmechanischer Industrie Zünder hergestellt wurden, rückte
die Stadt auf einer Prioritätenliste der Angriffsziele nicht nach oben.
Der Angriff war ein Teil der strategischen Kriegführung, der sich auch
gegen industrielle Ziele, aber in erster Linie gegen die Moral der
Zivilbevölkerung richten sollte.
Um 19 Uhr 45 wurde das Signal „Akute Luftgefahr“ ausgelöst, ab 19
Uhr 50 flogen 368 Maschinen der Royal Air Force in 22 Minuten einen
Angriff und ließen dabei Spreng- und Brandbomben sowie Brandkanister und
Luftminen im Gesamtgewicht von 1575 Tonnen auf die Innenstadt nieder. Die
großen Flächenbrände in der Innenstadt weiteten sich schnell zu einem
gewaltigen Feuersturm, der die verheerenden Wirkungen noch verstärkte.
Die Löschwasserversorgung fiel aus, so dass die Innenstadt auf einer Länge
von drei Kilometern und einer Breite von eineinhalb Kilometern komplett
ausbrannte und in kurzer Zeit die Brandstellen einstürzten.
Waren die Menschen, die sich nicht rechtzeitig aus der Innenstadt in
die Außenbezirke oder in Keller retten konnten, ohne jegliche Überlebenschance,
so starben auch viele Menschen in den unterirdischen Luftschutzräumen, da
die Flammen des Feuersturms den Sauerstoff aus den Kellern raubten. Wer
dem quälenden Erstickungstod in den Kellern durch Flucht auf die Straßen
zu entkommen suchte, verglühte in den Flächenbränden oder im
Feuersturm. Nicht wenige von denen, die sich vor dem Verbrennungstod in
die Enz oder Nagold gestürzt hatten, ertranken.
Eine genaue Zählung der Angriffsopfer oder gar die Identifizierung
aller Toten war nicht möglich. Es starben mehr als 17.000 Menschen und
somit rund ein Fünftel der in der Stadt wohnenden Bevölkerung. Der
Bombenkrieg machte keinen Unterschied: es starben Erwachsene und Kinder,
Nationalsozialisten und Widerständige ebenso wie Gleichgültige,
Fremdarbeiter wie deren Aufseher. In „nur“ fünf anderen Städten
starben während eines einzigen Angriffs mehr als 10.000 Menschen: dieses
Schicksal teilt sich Pforzheim mit Hamburg, Kassel, Darmstadt, Dresden und
Swinemünde. Auf die Gesamtfläche berechnet waren 75 bis 80 Prozent der
Stadt zerstört, auf den Innenstadtbereich bezogen liegt die Quote
zwischen 80 und 100 Prozent. Waren im Innenstadtbereich „Marktplatz“
1939 noch 4112 Anwohner registriert, lebte hier nach dem Februar 1945 auf
Jahre hin niemand mehr. Neben sämtlichen Wohn- und Fabrikgebäuden der
Innenstadt zerstörte der Angriff auch Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, Bäder
und andere Einrichtungen. Nicht gering zu schätzen ist außerdem der
Verlust an Kulturgut. Gemessen an der Gesamtgröße ist der Zerstörungsgrad
Pforzheims nur noch vergleichbar mit dem Dresdens und Krefelds. Das
Konzept des Strategischen Bombenkriegs, entwickelt vor dem Hintergrund der
zermürbenden und opferreichen Stellungskämpfe des Ersten Weltkriegs, um
Kriege abzukürzen und damit Menschenleben zu schonen, hatte weniger als
drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs auch Pforzheim erreicht. Wie wörtlich
die Vokabel des von den Nationalsozialisten herbei geführten „totalen
Krieges“ zu nehmen war, offenbarte sich in den Trümmerlandschaften der
Nachkriegszeit und spiegelt sich noch heute in der Modernität des
Stadtbildes wieder.
[1] Karl Hampe: Kriegstagebuch 1914-1919. Hg. von Folker Reichert und
Eike Wolgast. (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Band 63). München 2004.
[2] Alfred Döblin: Briefe II. Düsseldorf/Zürich 2001, 217.