Keiner, der sich am Krieg beteiligt, bleibt ohne Schuld!
Im Zusammenhang mit Krieg und den in ihm
ausgeführten Schandtaten stellen sich immer wieder Fragen. Wie kommt es,
- dass
"gebildete" Menschen einer "zivilisierten" Gesellschaft keinen anderen Ausweg sehen als
andere Menschen zu morden?
- dass sich die sog. Intellektuellen den Machenschaften einiger Kriegstreiber
anschließen, ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und Kreativität für den Massenmord einbringen?
- dass gegen alle Vernunft Menschenleben ausgelöscht, Kulturgüter
vernichtet und endliche Ressourcen verschwendet werden?
- dass junge Menschen legitimiert und gezwungen werden, ihnen unbekannte Menschen,
umzubringen?
- dass sich ganze Völker manipulieren lassen in ihrem Hass gegen andere
Nationalitäten, Kulturen und Religionen?
Krieg ist die größte anzunehmende von
Menschenhand mit voller Absicht herbeigeführte Umweltkatastrophe für die Menschheit selbst, Tiere
und Natur. Zynische Sprüche wie: "Der Krieg ist der Vater aller
Dinge", verharmlosen einen Zustand, der am Ende keinen Gewinner, sondern
lediglich Verlierer kennt. Jeder Krieg ist ein Verbrechen und kann weder
ethisch, noch moralisch gerechtfertigt werden und wenn sich Philosophen und
Juristen in ihrer Argumentation noch so verbiegen.
Nach kriegerischen Auseinandersetzungen kommt es
immer wieder zu endlosen Diskussionen zur Schuldfrage, der Bewertung der
Handlungen und moralischen Rechtfertigungsarien. Um den eigenen Standpunkt als
den einzig richtigen darzustellen, werden Schandtaten gegen Schandtaten und Tote
gegen Tote aufgerechnet. Diese Aufrechnungen säen dann neuen Hass und sind
nichts anderes als die Fortsetzung des Krieges mit rhetorischen Mitteln.
Darüber müssen sich alle im klaren sein, die immer wieder der anderen Seite
unterstellen, angefangen, grausamer und unmoralischer gewesen zu
sein.
Hauptmann Edwin Swales, der den Angriff auf
Pforzheim am 23. Februar 1945 leitete, ist ein Beispiel für die Doppelmoral
kriegerischer Handlungen. Edwin Swales erhielt postum eine der höchsten
Auszeichnungen, das Victoria Kreuz, weil er seine Mannschaft rettete und als
kommandierender Offizier den Angriff auf Pforzheim "erfolgreich"
ausführte. Es blieben über 17.000 Tote und eine nahezu komplett zerstörte
Stadt zurück. Edwin Swales war Südafrikaner. Unmittelbar
nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges meldete er sich freiwillig zum Mitlitär und war an
kriegerischen Handlungen in Abessinien und Ägypten beteiligt. Er bewarb sich
dann bei der südafrikanischen Luftwaffe und ging von dort zur Royal Air Force,
um Bomberkommandant zu werden. 1944 und 1945 flog Swales Einsätze gegen
deutsche Städte u. a. im Ruhrgebiet. Der Angriff am 23. Februar 1945 gegen
Pforzheim war sein 43. Einsatz. Dieser Angriff sollte sein letzter Einsatz werden.
Beim Rückflug vom Tatort explodierte der Masterbomber über Belgien, wobei
Edwin Swales den Tod fand.

Edwin Swales - was geht in einem jungen Menschen vor, der mithilft, anonym Tausende
umzubringen?
Wer den Namen Edwin Swales in eine
Internetsuchmaschine wie z.B. Google eingibt, erhält ein großes Angebot an
Seiten. Die meisten Seiten sind jedoch nicht dem Bomberpiloten gewidmet, sondern
haben seinen Namen in ihrer Adressenangabe. Südafrika ist stolz auf seinen
heldenhaften Sohn. Straßen, Plätze, Industriegebiete und vieles mehr sind nach
ihm benannt. Seine "Heldentaten" sollen in Erinnerung bleiben.

Edwin Swales Business Park - Cato Manor - Südafrika
Verehrt wird Swales insbesondere deswegen, weil
er sein eigenes Leben opferte, um seine Mannschaft zu retten. "Der schwer beschädigte
Leitbomber des Pforzheimer Angriffs verlor an Höhe und Geschwindigkeit. Swales
befahl seinen Leuten abzuspringen, während er selbst die Maschine in eine günstige
Absprungposition steuerte. Nachdem die Mannschaft abgesprungen war, kollidierte
der Bomber mit Starkstromleitungen und explodierte, wobei Swales ums
Leben kam." Aus der vereinfachenden Sicht der "Heldenverehrer" ist die
Handlung von Swales eine "Heldentat" ohne wenn und aber.
Über die Person Edwin Swales gibt es keine
Informationen, zum Beispiel welcher Art Mensch er war. War er nur ein Hasardeur, der seine
Abenteuerlust befriedigen wollte oder ein Mensch mit hohem moralischen Anspruch
an sich selbst, der seine kriegerischen Taten mit internalisierten Normen
rechtfertigte? Es kann aber auch so gewesen sein, dass sich der junge Mann ganz
einfach treiben ließ vom Strom der Zeit und den gebotenen Möglichkeiten. Fakt
ist, dass nur er, nur er alleine hätte erklären können, was ihn dazu brachte,
freiwillig in einen Bomber zu steigen, um anonym zu töten.
Swales hat seine Opfer nie von Angesicht zu
Angesicht gesehen. Seine Opfer bestanden für ihn aus Zahlen. Zahlen, die seinen
"Erfolg" und den Tod unbekannter Menschen beschrieben.

"Leichensammelstelle" nach dem Angriff auf Dresden
Es kann davon ausgegangen werden, dass keinem der
Beteiligten zum Zeitpunkt der Angriffe auf deutsche Städte das wahre Ausmaß für
die deutsche Zivilbevölkerung bekannt war? Erst nachdem die Alliierten
deutschen Boden betreten hatten, konnten sie sich eine Vorstellung über das unsägliche
Leid bilden, welches die deutsche Zivilbevölkerung durch die Flächenbombardements
erlitten hatte? Dass Arthur Harris -> hier
unmittelbar nach Kriegsende ohne die üblichen
Ehrungen in den Ruhestand versetzt wurde, ist ein Hinweis darauf, dass der militärische
Sinn der Bombardements - insbesondere in den letzten Monaten des Krieges -
nicht unumstritten war. Selbst Churchill meldete am 28. März 1945 Bedenken an
und schrieb sinngemäß an den britischen Generalstab:
"Für mich scheint der Moment gekommen zu
sein, die Bombardierung deutscher Städte nur um des Terror willens, auch im
Zusammenhang mit den Vorwänden dafür, zu überdenken. Ansonsten werden wir die
Herrschaft über ein Land übernehmen, welches völlig zerstört ist. Wir werden
zum Beispiel nicht die Möglichkeit haben, Baumaterial aus Deutschland für
unsere eigenen Zwecke einzusetzen, da eine Zeit lang Vorkehrungen für die
Deutschen selbst getroffen werden müssen. Die Zerstörung von Dresden bleibt
eine ernste Frage im Zusammenhang mit dem Verhaltenskodex zur Ausführung der alliierten
Bombardements. Ich bin der Meinung, dass wir uns ab sofort verstärkt den militärische
Zielen widmen müssen und dieses mehr noch in unserem eigenen Interesse als im
Interesse des Gegners. Der Außenminister hat mich auf dieses Thema angesprochen und ich
halte die unbedingte Konzentration auf militärische Ziele, wie Treibstoffvorräte und
Kommunikationseinrichtungen unmittelbar hinter der Front für effektiver als die
mutwillige Zerstörung." -> hier
Das Dokument ist mit "withdrawn"
gekennzeichnet, was so viel wie Rücknahme bedeutet. Es deutet alles darauf hin,
dass das Memorandum keine Wirkung zeigte und zurückgezogen wurde, so, wie gar
nicht geschrieben.
Edwin Swales hat Befehle ausgeführt und anonym getötet.
Seine Handlungen waren, wie bei Soldaten üblich, auf die Ausführung von
Vorgedachtem beschränkt. Er hat sich mit seinem Team in ein Flugzeug gesetzt,
um für Frachtmaschinen den Punkt des Frachtabwurfs zu bestimmen. Was unter
normalen Umständen eine Aktion ohne Besonderheit ist, wird in
Kriegszeiten zum heldenhaften Verhalten hochstilisiert, weil der Frachtabwurf
mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, statt wie bei einer Hilfsaktionen
Menschen am Leben erhält, Menschen tötet.
Swales war es nicht mehr möglich, den
angerichteten Schaden in Pforzheim in Augenschein zu nehmen, mit Überlebenden
zu sprechen, noch das Victoria Kreuz - VC - zu
tragen. Mit seiner postumen Ehrung haben sich lediglich seine Befehlshaber
nochmals ins Rampenlicht gestellt.
Was wird die Mutter von Edwin Swales empfunden haben
als sie das VC ihres Sohnes erhielt mit der Gewissheit, ihren Sohn nie wieder in
die Arme schließen zu können? Was wird sie gedacht haben als sie von den
Opfern der Bombenabwürfe ihres Sohnes erfuhr? Das geschieht denen recht, die das Leben
meines Sohnes auf dem Gewissen haben oder warum ist er in den Krieg gezogen und
hat bei diesem sinnlosen und menschenverachtenden Treiben mitgemacht?
Swales wäre wahrscheinlich kein Held geworden,
wenn das Unwahrscheinliche eingetreten wäre und Deutschland den Krieg
"gewonnen" hätte. Die Argumentationen hätten sich umgekehrt und auch
die Heldentaten. Straßen, Plätze etc. würden die Namen deutscher
"Helden" tragen. Da das Ereignis des deutschen "Sieges"
nicht eingetreten ist, kann darüber allerdings nur hypothetisch gesprochen werden.
Swales bleibt so für die einen ein Held mit höchster
Auszeichnung und für die anderen der zigtausendfache Todesbringer. Egal wie die
Version lautet, weder Swales noch seine Opfer sind in irgendeiner Form persönlich
davon betroffen, denn sie haben den Krieg nicht überlebt. Edwin Swales und seine Opfer haben ihre Leben
vorzeitig hergeben müssen für den größten Wahnsinn, den sich Menschen
ausdenken können, den Krieg.

Das Victoria Kreuz
Der Krieg aus der britischen Sicht

Museum in London, 31.01.2005, welches die Luftangriffe zum
Themen-Schwerpunkt hat...